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Lage der Streitenden. Denn wie es im allgemeinen so-wohl unziemlich als unfruchtbar, wo nicht geradezu nach-teilig ist, sich, während des um heilige Wahrheits- undLebensgüter ernst entbrannten Ringens, den Anwandlungender Komik über die wirklichen oder ersonnenen Schwächendes Gegners zu überlassen, so kann, aus verwandten Grün-den, auch das besondere Verhältnis der Kämpfenden zu ein-ander eine Erleichterung von dieser strengen Regel gestatten,nämlich da, wo das Kraftbewußtsein die vom Apologetikerangerufene Siegeszuversicht zur Erlustigung am Streiteaufmuntert. Diese Fröhlichkeit am Kampfesgetümmel wirdeine Partei nur da empfinden, wo ein bestimmtes, nachkeiner Seite hin extremes Verhältnis der Kräftemessungzwischen ihr und ihrem Widerpart obwaltet. Geschmacklosund empörend ist es, wenn ein übermächtiger Feind mitseinem hilflosen Gegner Possen treibt, die schon dadurch jenein der zitierten Stelle vorgesehene Beschuldigung der Niedrig-keit verdienen. Die diabolischen Scherze der Inquisitionmit ihren armen Sündern, die Witze des OberrichtersJeffreys, oder die gute Laune der „Kreuzzeitung " in ihrenglücklichen Tagen gehören in diese Kategorie. Nochunpassender nnd wahrhaft verhängnisvoll aber wird dieleichte Waffe des Humors in der Hand des thatsächlichSchwächeren und Mißhandelten, dem es doch auf derStirne geschrieben steht, daß er das ganze Aufgebot seinerGeistes- und Gemütskraft nötig hat, um den schweren Kampfzum Ende zu führen. Und in diesem Fall isind wir heutelebenden Deutschen. Es bedarf ja leider nicht des Nach-weises, daß faktisch die Nation nicht den allerkleinsten Teiljener Selbstherrlichkeit besitzt, welchen sie als ihr zukommendin Anspruch nimmt. Der Hauch von friedlicher Sitten-autorität, welchen beiderseitige Streitunlust hie und da überdie Gegensätze hingednftet hat, würde beim leisesten Wind-stoß zerstieben, und damit würde die alte Parteistellung