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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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zwischen wehrloser Bürgerschaft und fürstlich militärischerAllgewalt wieder zu Tage kommen. Die Physische Über-macht gehört noch ganz unzweifelhaft dem stehenden Heereund dieses durch die Offiziers-Aristokratie dem Landesherrn.Es ist hier nicht unsere Sache das Wieso? zu untersuchen,aber umsomehr, festzustellen, daß einem Volk, welches faktischso unmündig, aber in der Erkenntnis so weit zur Mündig-keit vorgerückt ist, keine Art der Rechtsheischung so wenigansteht, als die humoristische. Wer über solches ElendLachlust empfindet, der setzt zunächst sich selbst herabund gesellt sich zu jenen Zwergen und Buckligen, dievordem als Hofnarren die hohe Gesellschaft mit Selbst-verspotiung über ihre eigenen Mißbildungen belustigten.Die Ironie, welche reine Selbstirvnie wird, führt direktzur Selbsttäuschung oder zur Selbsterniedrigung, dennbis zum Lachen der Verzweiflung sind wir glück-licher Weise noch nicht gediehen. Es spielt aber dieseraltüberkoinmene Ton der Satire in unserer radikalenPresse, der es freilich an Ernst nicht gebricht, noch eine zubedeutende Rolle, und der Urgrund seines Vorwaltens istin einem Charakterzug allgemeiner Natur zu suchen. Esgiebt im geselligen Verkehr eine Art Schüchternheit, welchezu scheinbar übermütigen Maniereu verleitet, und derDeutsche hat in seinem politischen Wesen eben etwas vonjenem Mangel an tieferem Selbstvertrauen, welches imäußeren Auftreten sich durch anmaßendes Gebühren zu be-täuben sucht. Das erklärt, warum unsere Landsleute beieinem größeren Maße von Bescheidenheit vielfach lauterund hohler schreien, als andere Nationen, und zu verschie-denen Zeiten den Vorwurf der Renommisterei nicht unver-dienter Maßen sich zugezogen haben. Es ist eben dasselbeMotiv der Selbstbetäubnug, durch welche die Versuchungzur Humorisirung ihres Elends in ihnen verstärkt wird.Bergessen wir dabei allerdings nicht, daß eine bedeutende