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geht. Alles, was als schön und gut uns gelehrt worden,empört sich gegen die Huldigung an eine blos äußerlicheWucht. Welcher moralischen Unmöglichkeit heißt es nichtThür und Thor öffnen, wenn das Bekenntnis der vollendetenThatsache zur Staatsreligion erhoben wird? Keine neuereVerfassung möchte, wie die französische aus den neunzigerJahren, das Recht auf Revolution in ihre Grundartikel auf-nehmen: wie könnte man einer Anschauung Raum geben,aus welcher das Recht auf Überrumpelung von oben direktflösse?
Und trotzdem hat die öffentliche Stimmung in einemgroßen Teil des nichtpreußischen Deutschlands aus freiemAntrieb die Notwendigkeit des Anschlusses an die vollendeteThatsache proklamirt. Was immer Wahres sein möge ander höchst bedenklichen Anziehungskraft des Erfolges, siegenügt nicht, um uns zu erklaren, daß in großer Zahl un-verdächtige, einsichtsvolle, lange her der guten Sache ergebeneBürger sich um die neueste Gestaltung der Dinge scharen.Es sind das keine leicht beweglichen Haufen, die um desVorteils willen sich dem Triumphzug anschließen oder diewillenlos von dem Volumen und Lärm der rollenden Massein deren Bahn gerissen werden. An tausend von einandergetrennten Stellen ist Hunderttausenden gleichzeitig die Über-zeugung erstanden: daß der Weg zu dem unveränderten Zieleines die ganze Nation umfassenden deutschen Staats nichtrückwärts von dem Geschehenen ab, sondern an das Ge-schehene anknüpfend vorwärts gehe.
Die Unverdächtigkeit einer solchen Gesinnung brauchtuns übrigens um so weniger aufzuhalten, als es sich hiernicht entfernt darum handelt, den Sieg und den Sieger mitAllem, was um ihn und an ihm ist, heilig zu sprechen.Wir sind nicht so töricht, uns vorzugaukeln, der Sieger seijetzo nicht mehr in beinahe allen Lebensfragen unser uner-bittlicher Gegner; wir hüten uns um so mehr, ihm unser