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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
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Es wäre sehr zu wünschen, daß bei erster Gelegenheitdie so kurz hingeworfene Andeutung über die Reinheit derKultur und die Gefahr ihrer Verunreinigung etwas deut-licher ausgeführt würde. Die meisten werden sich schwerlichbei den WortenReinheit der Kultur" etwas denken können,und ich bin in der größten Verlegenheit, zu erraten, wasTreitschke selbst sich dabei gedacht hat. Wäre Reinheit einebesonders auszeichnende Eigenschaft in Verbindung mit demBegriff Kultur, so müßte man allerdings der deutschenKultur gegenüber mißtrauisch werden. Denn was sollteman von einer Kultur denken, in welche die biblische Reli-gion und Moral, die klassische Weltanschauung, die römisch-rechtlichen nnd römisch-staatlichen Begriffe und Institutionen,hellenische, romanische und englische Poesie und Litteratur ,italienische Kunst und Musik, französischer Geschmack undGesellschaftston in so breiten Strömen sich ergossen haben;was von der Kultur einer Nation, welche unter der Welt-herrschaft der Karolinger, der Hohenstaufen, der spanischen Habsburger von dem Geiste aller Nationen getränkt undunter der Verwüstung des dreißigjährigen Krieges von denFersen aller Nationen zertreten worden ist; was von einerKultur, die von den italianisierten, polonisierten, franzö-sierten Höfen so stark beeinflußt worden und diesem Einflußnoch heute das barbarische Gemisch deutsch -französischerEtikettensprache verdankt?

Wäre Kultur etwas, das aus dem eigenen Urwald-boden allein gezogen wird, das Stichwort von der mehr-tausendjährigen reinen deutschen Kultur enthielte eine Fiktion,gegen welche Viktor Hugos Phrase von dem in Paris ein-geschlossenen Gehirn der menschlichen Civilisation nur alseine kleine Übertreibung gelten könnte. Zum Glück aberist Kultur genau das Gegenteil der geradlinigen Fortzeugungeines einzigen Volksgeistes, und deutsche Kultur steht so