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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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hältnis wieder aufmerksam machte. Wer mit Selbst-täuschungen arbeitet, arbeitet immer unrichtig und verfälltbei der Entdeckung der Wahrheit dem Unmut, wenn nichtder Entmutigung. Es ist besser, die Juden kennen dasGefühl des Widerstrebens, welches unter dem Zwange deräußern Höflichkeit sich verbirgt. Diejüdischen Freunde",von denen Herr von Treitschke als den seinen spricht, habengewiß aus seinen Ergießungen auch etwas mehr erfahren,als sie wußten, und werden zweifelsohne davon profitieren.Vielleicht werden dieTalente dritten Ranges" sich etwasweniger hitzig um Richterstellen und Professuren bemühen,nachdem sie erfahren haben, wie manche Kollegen hinterihrem Rücken von ihnen reden. Das wird denn auch wiederetwas Balsam auf die Wunden gießen, welche die erstenÜbergänge zur Gleichheit geschlagen haben. Es genügt nicht,sich vorzuhalten, daß dieses oder jenes andere Volk in diesenDingen humaner oder ritterlicher denkt und fühlt. Es mußja doch getragen sein. Je mehr ein Mensch in der Bil-dung seines Landes aufgewachsen und mit ihr verwachsenist, desto unzertrennlicher ist er mit allen seinen höchstenInteressen und Empfindungen an dasselbe gefesselt, magman sich auch einmal schnöde gegen ihn benehmen. Manchergute Deutsche wurde bei Ausbruch des Krieges in blindemHaß vom französischen Boden vertrieben. Als er nachDeutschland zurückkam, fand er eineinig Volk von Brü-dern". Aber nachdem eine Reihe von Jahren verstrichen,ward ihm eines Tages von deutschen Landsleuten vorge-halten, daß er sich mit Unrecht als Deutschen betrachte, daer doch nur ein Jude sei, und dabei kam es oft zu der-selben Rohheit und demselben Mißbrauch der Überzahl wiedamals, als die Franzosen den unter ihnen wohnendenDeutschen das Leben zu verbittern suchten. Wenn der vonsolch schmerzlicher Erfahrung betroffene deutsche Jude rich-

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