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tiges Gefühl hat, so wird er seinen Ekel zu verwindensuchen und nur besorgt sein, daß man draußen nichts da-von erfahre, wie es zu Hause Deutsche mit ihren eigenenLandsleuten treiben; denn schmutzige Wäsche wäscht manbekanntlich am besten in der Familie.
Die Stellung, welche Herr von Treitschke zur Fragegenommen, hat bereits zahlreiche Erwiderungen hervor-gerufen. Das wird nun zu neuen Borwürfen führen. Dieeinen werden sagen, daß man die Sache zu tragisch nehme,die andern, daß man sich zu empfindlich zeige, noch andere,daß man der Äußerung eines Einzelnen zu viel Gewichtbeilege. Aber in Dingen, in welchen Stimmung undEmpfindung so stark mitspielen, genügt oft ein einzigerschriller Mißton, um auf lange hinaus schädlich zu wirken.Ein sozialer und geistiger Verschmelzungsprozeß kann durchdas Hineinfallen eines einzigen ätzenden Tropfens aufge-hoben und zerstört werden. Noch haben die deutscheuStaatsregierungen sich ganz korrekt gehalten. Könnten die,welche sie auch hierin zu alten Mißbrauchen zurückführenwollen, nicht mit Treitschkes Anklageakte in der Hand ansie appellieren? Thun sie es nicht schon? Und eins ins-besondere übersehe man nicht: die Rückwirkung auf dieSchule. Bereits verlautet wieder einmal, daß hier und daeinzelne Lehrer den Unfrieden unter ihre Schüler aus-säen. Das Kindesalter ist nicht zur Barmherzigkeit geneigt,ist zur Verfolgung nur allzu leicht anznreizen. Was aberden kindlichen Gemütern in der Schule eingepflanzt wird,genügt, um den verderblichen Rassen- und Glaubenshaß fürGenerationen unausrottbar zu machen. Herr von Treitschke ,selbst ein beliebter Lehrer der reiferen Jngend, thäte eingutes Werk, wenn er von der patriotischen Mahnung, dieer an die deutschen Juden richtet, vor allem auch gutendeutscheu Christen des Lehrfaches etwas zn Gemüte führte!