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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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des Reichstags war recht eigentlich gegen die national-liberale Partei gerichtet, und die feindliche Stellung, welchedie meisten Vertreter der preußischen Regierung bei derNeuwahl gegen sie nahmen, verringerte die schon bei denWahlen von 1877 herabgeschmolzene Zahl ihrer Angehörigenim Parlament um einen beträchtlichen Bruchteil. Imfolgenden Jahre, 1879, erlitt die Partei einen neuen Ab-gang. Die krasse Umkehr in der Wirtschaftspolitik der Re-gierung konnte nicht anders als zersetzend auf die Parteiwirken, und nach vielerlei Reibungen und MißHelligkeitensahen sich zunächst achtzehn Mitglieder, an deren Spitze derAbgeordnete Volk stand, zum Ausscheiden gedrängt. Zudieser nach rechts vollzogenen Lossagung ist nun neuerdingseine zweite nach links zu gekommen. Etwa dreißig Mit-glieder des Reichstags und des preußischen Landtags habenEnde des jüngsten Sommers in einer gemeinsamen Er-klärung ihren Austritt angekündigt. Vergleicht man dieZahlen, so ergiebt sich, als der dreifache Effekt der An-fechtungen von oben und der Absonderung nach rechts undnach links, daß der Bestand der nationalliberalen Fraktion imLauf von zwei bis drei Jahren schließlich auf weniger alsdie Hälfte seiner ehemaligen höchsten Ziffer herabgebrachtworden ist. In den Jahren 187477 zählte die Fraktionder Nationalliberalen im Reichstag 155 Mitglieder, heuteist sie auf 68 reduziert.

Diese Erscheinnng giebt ein unwiderlegliches Zeugnisdafür ab, daß die inneren politischen Zustände, deren Aus-druck die ehemalige Parteibildung gewesen war, eine tiefeVeränderung erlitten haben. Ob man in dem dreifachenRückgang die Symptome einer beginnenden Periode völligerZersetzung zu gewahren hat, möge dahingestellt bleiben.Der Zukunft der noch immer ansehnlich dastehenden Parteidurch ein solches Wort vorzugreifen, gäbe unseren Be-