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fragen der Reichspolitik die schärfsten Gegensätze zum Be-wußtsein brachte, uicht sowohl zwischen den Mitgliedern derPartei selbst als vielmehr zwischen dem Kanzler und einemnamhaften Teil der Partei. Hier allein liegt der Zer-setzungsgrund und jeder andere wäre unzureichend. Mitdiesem Bekenntnis einem Staatsmann gegenüber verschämtthun, der, so oft er es für nötig hielt, Meinungen, Parteienund politische Freundschaften kaltblütig gewechselt hat, wäreein Akt wahrhaft komischer Zimperlichkeit.
Fürst Vismark personifiziert in sich den Gedanken,welcher Deutschland als völkerrechtliche Einheit unter Aus-schließung Österreichs und unter Führung Preußens herstellenwollte, und diesen Gedanken hat er mit dem glänzendstenErfolg durchgeführt. Um die Schaffung der deutschen Groß-macht war es ihm zu thuu. Den innern Gehalt des Reichshat er dagegen, bei Lichte betrachtet, als etwas angesehen,ans das es weit weniger ankomme. Diese Auffasfuug derDiuge wurzelt durchaus im Grundzug seiuer Natur undhängt enge zusammen mit dem Geheimnis seiner größtenKraft; und wenn heute gerade die inneren Angelegenheitenvorzugsweise Gegenstand seiner Aufmerksamkeit und An-strengung geworden sind, so berechtigt das vor allem zudem Schlüsse, daß sie dermalen den besten Stützpunkt zurEinsetzung des Hebels abgeben, mit welchem Evolutionender politischen Macht sich vollziehen lassen. Für dieseenergische Methode sind Diuge und Menschen nützlich,schädlich oder gleichgiltig, je nachdem sie dem auf die uächsteWegstrecke gerichteten Blick als fördernd, hinderlich oderabseitsliegend sich darstellen; nach dieser Schätzung werdensie begünstigt, bekämpft vder ignoriert. Bald findet zärtlicheSchonung, was aus alter Zeit sinnlos in die Gegenwarthineinragt, bald wird zu kühner Neuerung ein Sprung insDunkle unternommen. Zu dem Wahlspruch, daß jeder Tag