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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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fortreißen lassen! Eine politische Partei, welche solcheWege einschlüge, würde ihr eigenes Grab graben und allenGlauben an Überzeugung bei ihren Anhängern im Volkeabtöten.

Mit jenem Anflug von Melancholie, welcher den Zauberseiner Persönlichkeit erhöht, hat der Kanzler jüngst in einer,auf besonderen Eindruck berechneten Parlamentsrede denGedanken eingeflochten, daß er selbst über das nämlicheProblem nachbrüte, das uns hier zu schaffen macht. Instiller Nachtzeit, so erzählt er, lege er sich die Frage vor,warum ihm aus den Reihen derer, die ehedem zu ihmstauben, jetzt nicht selten Abneigung und Widerstand ent-gegentrete? Und es sei wie eine Erleuchtung über ihngekommen, als er einst zu später schlafloser Stunde iu einemGeschichtswerke über einen dahingegangenen Staatsmanndie Erklärung seiner eigenen Leiden entdeckte. Eine solange, viele Jahre hindurch festgehaltene Ministerschaft habeallmälig wie gegen jenen, so auch gegen ihn eine Summevon Mißvergnügen und von Feindschaften angehäuft, dieschließlich iu dieser Auflehnung zum Durchbruch kommen.Man hat vermutet, es gehe diese Anspielung auf denfrauzösischeu Staatsmann, welcher genau ebeu so lange dasRuder des Staats in seinen allmächtigen Händen gehaltenhat, als es Fürst Bismarck schon hielt zur Zeit, da er jeneWorte sprach: achtzehn Jahre. Und für die Richtigkeit derVermutung spräche es, daß außer Richelieu kein Ministerin der Geschichte Frankreichs figuriert, der sich an Bedeutungmit Bismarck messen könnte. Aber wer möchte ohne zulächeln die Parallele ziehen hören zwischen den parlamen-tarischen Gegnern des deutschen Kanzlers und den Wider-sachern des französischen Kardinals! Dort alle Großen desLandes, Mutter und Bruder eines Königs, Prinzen vonGeblüt, Marschälle und Favoriten, Exil, Bastille, Schafott,