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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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dieser rückläufigen Bewegung ist; daß nur sein mächtigesZuthun den Partikularismus überall wieder hervorgelockt hat?

Aber so wunderlicher Selbsttäuschung auch die Meinungentspringt, daß es das Machtbedürfnis der Liberalen sei,welches ihm, dem Kanzler, Hindernisse bereite: über einstänscht ihn sein Gefühl doch nicht ganz. Es wendet sichetwas von ihm ab in der Gesinnung der Nation und geradeam meisten in den Reihen der Gebildeten. Mit Schmerzund Betrübnis gewahrt man da seit Jahr und Tag, wieder einst dem guten Geist freier und humaner Entwickelungzugänglich gewordene Genius des gewaltigen Manneswieder jenen Mächten anheimfällt, von denen er sich los-gerissen hatte; jenen Mächten, welche noch jedesmalDeutschlands aufsteigende Entwickelung nach kurzen Blüten-Perioden wieder zu uuterbrechen verstanden, uud welchemit ihrem heutigen Triumph die alte trostlose Be-hauptung von der Vergeblichkeit aller Mühen um dieHerstellung eines freien deutschen Staatslebens vonNeuem wahr zu macheu scheinen. Diese in der Stille sichvollziehende Abkehr, diese unsichtbare Entfremdung derGeister fühlt der gewaltige Mann auf seiner einsamen Höhe,er fühlt sie um so tiefer, als ihm einst aus denselbenSphären so frohe Huldigung zugeströmt war. Und obgleicher Europa iu seiner Hand und Deutschland zu seinenFüßen sieht, so entgeht ihm doch nicht, daß ein Gedanke,wenn er erst von den Köpfen der Denkenden einer NationBesitz ergriffen hat, sich in immer weitere Kreise fort-pflanzen muß. Langsam geht es im Anbeginn nnd lang-sam breitet sich diese tiefe, man möchte sagen schwermütigeVerstimmung aus. Gestehen wir es nur: die Massen sindnoch nicht davon ergriffen, in breiten Schichten des Bürger-tums wirkt die tiefgewurzelte Verehrung weiter, ganz be-sonders da, wo tonangebende Interessen neuerdings ab-