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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
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sal zu schaffen, ward ihr auch das Festhalten des Er-langten so schwer. Es hätte ebenso viel Ausdauer undSelbständigkeit auf der einen Seite dazn gehört, um dieneu erworbenen Güter mit dem nötigen Nachdruck zu ver-teidigen, als Entsagung von der anderen Seite dazu gehörthätte, freiwillig die Macht mit einer Nation zu teilen, diebis dahin so wenig Sinn, Geschick und Spannkraft für denSelbstbesitz ihres politischen Wesens bewährt hatte.

Es ist noch Wunders und Glücks genug, daß im be-seligenden Gefühl der neuen Herrlichkeit den freisinnigenDeutschen vergönnt war, sich mit dem Gewaltigen, der sieihnen verschafft hatte, ein Jahrzehnt hindurch zu vertragenund in die Arbeit zu teilen, in die Arbeit, wohlverstanden,nicht in die Macht, denn von der Macht hatten auch nichteinen Augenblick die Liberalen den kleinsten Zipfel ergriffen.Und wenn die ganze Verkettung des Geschehenen zu einemso langen Ministerium führte, so darf man sich auch nichtwundern, daß diese abnorme Dauer auch wieder Übel be-sonderer Art im Gefolge hatte. Auch dem Größten istnicht vergönnt, ewig auf derselben Höhe der Leistung zubleiben. Die langen Regierungen aller bedeutenden Herrschergeben Zeugnis für diesen Satz. Die Größe der Kraft er-weckt bei ihr selbst und bei den andern so hohe Ansprüche,daß in dem Maß, als sie sich erschöpft, die Überreizungund die Versuchung des Irrtums sich einstellt.

Um den Fehlern gerecht zu werden, in welche derKanzler unserer Ansicht nach verfiel, muß man den Maßstabins Auge fasfen, den er, und von Anfang an gewiß nochweniger er selbst als die Nation, an sein Genie anlegte.Jedes Regiment erlebt Mißgeschick, und jedes Mißgeschicksuchen die Menschen aus begangenen Fehlern zu erklären.Wenn nach der Übung freier Länder Parteien und Ministerzusammen stehen und fallen, so werden auch wirkliche oder