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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
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vermeintliche Fehler von beiden zusammen getragen. Undda es mit der Zeit auch nachfolgenden Ministern und ihrenParteien nicht besser geht, so wird die, weil gemeinsam, ansich schon leichter zu tragende Last noch erträglicher dadurch,daß vor aller Augen die Wagschale der öffentlichen Meinungbald nach der einen, bald nach der andern Seite schwankt.

Macht aber die wie zum Gesetz gewordene Permanenzeines Ministers es notwendig, daß die Parteien alleinfallen nnd der Minister bleibt, so werden Mißgeschick undFehler uur von dem schwächeren Teil verbüßt. Je sieg-reicher der Minister den Sturz seiner Verbündeten über-leben soll, nm mit neuer Unsterblichkeit gesalbt aus derWandlung hervorzugehen, desto größer wird für ihn dieVersuchung, seinen vormaligen Bundesgenossen Fehler auf-zubürden, nnd je mehr er selbst wirkliche oder vermeintlicheVersehen mitgemacht hat, desto mehr wird es ihn ge-lüsten, dies dnrch Anklagen gegen seine ehemaligen Ge-nossen zu verdecken. Bei solchen Verwicklungen kommenWahrheit uud Gerechtigkeit immer zu kurz. DaS Bündniseiner wandelbaren Partei mit einem unwandelbaren Ministerwird nicht nur einer jeden Partei verderblich werden, son-dern auch alle politischen Begriffe im Volke in Verwirrungbringen. Aus dem zehnjährigen Bündnis mit dein FürstenBismarck ist, obwohl dasselbe für die erste Zeit des Reichseine unabweisbare Notwendigkeit gewesen, die national-liberale Partei vorerst mit schwerem Verlust hervorgegangen.Jede andere Partei, welche mit dem Fürsten so lange ver-bunden gewesen wäre, würde dasselbe Schicksal erlittenhaben, insbesondere, wenn sie ihm mit gleicher Selbstlosigkeitbeigestandcn hätte wie - die nationalliberale Partei, wasallerdings kaum zu gewärtigen wäre.

Emporarbeiten kann die liberale Sache sich nur, weunsie mit voller Selbständigkeit nach dem Maßstab ihrer