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Im Großen und Ganzen hat sich eine wohlwollendeAuffassung zu erkennen gegeben. Sage man nicht, daßdies natürlich sei. Natürlich war vielmehr das Gegenteilnach den bisherigen Überlieferungen unseres Parteigetriebes;und insofern wäre hier allerdings ein Fortschritt zu ver-zeichnen, vorausgesetzt, daß es gelingt, die Stimmungdauernd festzuhalten, welche sich in den ersten Zeiten aus-gesprochen hat. Man mußte darauf gefaßt sein, daß beiDenen, welche bisher an dem Verhalten der Nationalliberalenmit Recht oder Unrecht viel zu bemängeln gefunden hatten,vorerst das rein selbstische Gefühl persönlicher Genugthuunghervorbrechen, daß man in der Zerreißung der Partei ledig-lich die Bestätigung seiner hergebrachten Kritik mit einemgewissen Triumph begrüßen würde. Unsere Politischen Mei-unngsverschiedenheiten tragen von Alters her so sehr denCharakter theologischer Zänkereien an sich, daß die Frendeam Rechtbehalten viel mächtiger wirkt als das Verlangennach thatsächlichen Erfolgen. Den eifrigsten Kampfhähnenist am wohlstcn, wenn möglichst wenige mit ihnen gemein-same Sache machen und jeder alleiu auf seinem Hofe seineStimme erheben kann. Während Fürst Bismarck mitwundersamer Beweglichkeit jeden Sukkurs annimmt undherbeizieht, der sich irgendwie für den gegebeneu Augen-blick verwenden läßt, giebt es für manchen heftigen Gegnerseiner Politik kein größeres Gaudium, als dem Nachbar,mit welchem die Regierung sich überwarfen hat, in denRücken zu schießen. Dieser unklugen Taktik hat die liberaleSache manche verhängnisvolle Einbuße zu verdanken, nndes dürfte entschieden als ein Zeichen Politischer Besserungbegrüßt werden, wenn dies Schauspiel uns für die Zukunfterspart bliebe. Befestigt sich die bessere Gewohnheit, so istdamit allerdings noch kein Sieg errungen, aber doch dieeinzige Möglichkeit gegeben, den gänzlichen Niedergang des