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Liberalismus und damit des ganzen inneren Staatslebensaufzuhalten, von dem wir ernster bedroht sind, als dieMasse der Nation zur Zeit noch sich träumen läßt.
Je weniger Anfechtungen die Ausscheidenden erfahren,desto unbefangener können sie selbst sich mit der Aufgabebefassen, einen kritischen Rückblick auf die Periode ihrer po-litischen Vergangenheit zu werfen, welche mit ihrer Trennungvon den bisherigen Genossen ihren Abschluß findet. DiePartei, der sie bis dahin angehört hatten, ist von langeher, besonders aber in den letzten Jahren, der Gegenstandso heftiger, meistens so sarkastischer Angriffe gewesen, daßdie neuerdings von einer Anzahl ihrer Mitglieder gefaßteEntschließung Gefahr läuft, im Sinne einer jene Angriffenachträglich rechtfertigenden Selbstverurteilung aufgefaßt zuwerden. Möglich sogar, daß der eine oder der andere derNächstbeteiligten, selbst von solcher Stimmung angekränkelt,sich die Frage vorlegt, ob er nicht in der Auffasfung, dieseine bisherige Parteirichtung bestimmte, sich eines Irrtumsschuldig zu bekennen habe.
Man hört nicht selten Jemanden sagen: wenn er seinLeben wieder zu beginnen hätte, er würde es ganz anderseinrichten, und warum sollte in manchem Fall der Aus-spruch nicht berechtigt sein? Dennoch muß man als Regelannehmen, daß bei solchen rückschauenden Verbesserungeneine optische Täuschung mit unterläuft, vorausgesetzt, daßder Ausspruch von Menschen gethan wird, die von Hauseaus mit verständiger Überlegung zu handeln pflegten. DieVermutung spricht vielmehr dafür, daß derselbe vernünftigeMensch, in die gleiche Lage gebracht, wieder so handelnwürde, wie er zum erstenmal gehandelt hat, daß er aberbei dem Rückblick auf seine früheren Entschlüsse an sich irrewird, weil er nur einen Teil der Elemente sich vergegen-wärtigt, aus welchen die Vergangenheit sich zusammensetzte.