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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
97
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Es hat diese rückwärts blickende Korrektur des Lebens die-selbe UnVollkommenheit an sich, wie jene in die Zukunftgerichteteten Wünsche, nach deren Erfüllung das Erreichteso oft hinter der Erwartung zurückbleibt. Ja, das ewigalte Lied von der guten alten Zeit erklärt sich aus den-selben Wirkungen derselben allgemeinen Ursache, nämlicheiner falschen Perspektive. Von dem, was der Mensch nichtals ein gegenwärtiges vor Augen hat, kommt ihm in derVorstellung immer nur ein Teil zum Bewußtsein, und jenachdem er durch die Umstünde gestimmt ist, erhebt er baldeinseitig Klage um die Vorzüge der Vergangenheit, baldAnklage wider ihre Sünden. Die Nationalliberalen würdensich solcher falschen Beurteiluug ihrer eigenen Vergangen-heit schuldig machen, wenn sie sich die Meinung aufdrängenließen, die Grundrichtung ihres ehemaligen Verhaltens seieine falsche gewesen. Am ersten schleicht sich ja solcheTäuschung gerade in ihrem Fall ein, nämlich wenn mandas, was geworden ist, vergleicht nicht mit dem, was vor-her da war, sondern mit dem, was nie gewesen ist undnur hätte werden können. Jede in sich zusammenhängende,lange Zeit fortgesetzte Thätigkeit verbraucht sich selbst. Esist ganz verkehrt, die mit der Zeit verbrauchte Thätigkeitals solche anzusehen, die von vornherein unbrauchbar war.So falsch es ist, niemals einen Fehler einzugestehen, wennMängel hervortreten, so falsch ist es, die ganze Vergangen-heit zn verdammen, wenn die Gegenwart zu unerwünschtenErgebnissen führt. In der verständigen Abwägung dessen,was zur Erhaltung und Weiterbildung des ehedem ver-ständig Begonnenen verändert und erneuert werden muß,liegt allein gerechte uud richtige Erkenntnis. Und nurdieses Maß der von der Zeit und den veränderten Um-ständen gebotenen Erneuerung soll durch die Sezession ge-sichert werden.

Ludwig Bambcrgers Ges. Schriften. V. 7