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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
106
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solchen Begriffsverwirrung verträgt es sich, daß der Rufnach Bildung einerkonservativ-liberalen" Partei ergehenkonnte. Nichts zeigt deutlicher als diese Wortverkuppelung,wie gering man bei uns dermalen von dem Beruf politischerParteien denkt. Nur in einer Zeit, wo nian Menschen,Gesinnungen und Einrichtungen nach einem andern Maß-stab als dem ihres inneren Wertes mißt und allein dieUnterwerfung unter das jeweilige Kommandowort für berech-tigt erklärt, konnte die merkwürdige Verbrüderung der beidenGegensätze erfunden werden. Aber freilich steht noch einanderes Wort zu Gebote, mit welchem solche Wunder schonlange verrichtet werden. Es heißtnational". Wenn schonjede Industrie, welche Unterstützung verlangt, allen Wider-spruch aus dem Felde schlägt dadurch, daß sie ihre Interessennationale" nennt, wie viel mehr müssen politische Ver-haltungsregeln für unanfechtbar gelten, sobald sie als dieausschließlich nationalen angepriesen werden. Je lauter dienationale Lärmtrommel gerührt wird, desto vorsichtiger mußman prüfen, ob es nicht gilt, die Stimme der Vernunftzu übertönen. Bedeutet doch auch jener an das Herzappellierende Aufruf zur Bildung einer konservativ-liberalenPartei ganz einfach die Unterwerfung der Liberalen unterdie Konservativen!

Zu dem Vorwurf, den man von jeher den National-liberalen wegen ihrer Kompromisse gemacht hat, gesellt sichnenerdings ein zweiter: nämlich, daß sie den leitendenStaatsmann allzu rückhaltlos unterstützt und daß sie darumes nur sich selbst zuzuschreiben hätten, wenn die Autoritätdieses Namens jetzt sich gegen sie selbst wendet. Offengestanden, ist dieser Vorwnrf nicht so ganz unverdient wiejener erste, und wer ehrlich mit sich ins Gericht gehen will,