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muß einräumen, daß in diesem Punkt diejenige liberaleRichtung, welche, auch wo sie zustimmend sich anschloß, stetsausdrückliche Vorbehalte gegen die Persönlichkeit des Kanzlersgemacht hat, jetzt sich in der vorteilhafteren Lage befindet.
Nur darf man hierbei eines nicht vergessen. Jedepolitische Auffassung behält einmal recht, wenn sie nurlange genug wartet, denn bei der Wandelbarkeit und Un-vollkommenheit menschlicher Dinge kann mit der Länge derZeit jedes Heil zum Unsegen, jedes Unheil zum Segenausschlagen. Wer beharrlich nein sagt, mag sicher sein, daß,wenn er es nur erlebt, einmal der Moment kommen wird,wo er wird ausrufen können: „Hab' ich es nicht gesagt?"Während des französischen Krieges schrieb Karl Vogt ausGenf an Friedrich Kolb nach München : Sowie der Friedegemacht sei, werde Bismarck mit Kettcler Freundschaft schließenzu einem Bündnis zwischen Feudalen und Ultramontanen.
Acht Jahre lang schien das eine Prophezeiung zumLachen. Heute würde sie schon niemand mehr belachenswertfinden, viele meinen sogar, daß die Prophezeiung auf dembesten Weg sei sich zn erfüllen. Wenn Ketteler noch lebte,wer weiß, ob er nicht schon abgeschlossen hätte, wo Windt-horst noch zögert? Kann man darum sagen, daß dieProphezeiung eine richtige war? Zählen die acht voraus-gegangenen Jahre nicht? Wenn auch jene PessimistischeAuffassuug schließlich recht behielte, so wäre es doch falschgewesen, sich gegen die Bismarck'sche Politik des Jahres 1870verneinend zu verhalten, wie jener wohlfeile Pessimismusthat. Was man aber von ihm lernen kann, ist, bei Zeitenauch an die entferntere Gefahr zu denken, die mit demPolitischen Heroenkultus ein für allemal verbunden ist. Eswerden freilich derlei Warnungen immer wenig fruchten,weil man sich gegen sie nicht mit Vorbedacht, sondern imInstinkt des Augenblicks versündigt. Bei Anwendung aller