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fassen seien. Zugleich ein Mann von großartigen Ideen,mit einem gewaltigen Sinn für staatliche Organisationen,weniger Diplomat als Staatsmann, hinterließ er dennochseiner Nation einen bewundernswerten Bau von sorgfältigausgearbeiteten organischen Einrichtungen, die sich bis aufden heutigen Tag erhalten haben. Seine Methode, dieFranzosen durch Befriedigung der nationalen Eitelkeit anseine Herrschaft zu fesseln, ließ seinem staatsmännischenTriebe Spielraum, im Innern seines Reichs nach sachlichenMaßstäben zu handeln, während er sich die Geister durchdie Beschäftigung der Phantasie unterwarf. In Zeiten undbei Nationen, welche den Verlockungen der Phantasie über-haupt und der nationalen Eitelkeit insbesondere wenigerzugänglich sind, liegt es solcher Regiernngskunst nahe, andereTriebfedern in Bewegung zu setzen. Sie wird sich vorallem die Interessen zu ihrem Operationsfeld aussuchen,und je weniger Sinn sie für das Dauerhafte in den In-stitutionen hat, je mehr sie, nur für das Bedürfnis desTages arbeitend, so zu sagen von der Hand in den Mundlebt, desto weniger vorsichtig wird sie mit der Heran-ziehung und Befriedigung der einzelnen Interessen ex-perimentieren.
Jeder Einzelne in der Gesellschaft sieht von Hause auszunächst nur seiu einzelnes Interesse, und diese Beschränkt-heit des Blickes ist notwendig zur Erhaltung des Ganzen.Aber das Ganze besteht wieder mir durch die wohlbemesseneAusgleichung der Einzelinteresfen. Darum ist wahre Staats-kunst nur die, welche allgemeine Maßstäbe anlegt, und diesekommen nur in Form von Ideen zum Ausdruck. EineRegieruugskunst, welche sich zum Grundsatz macht, unterGeringschätzung allgemeiner Maßstäbe, auf die Einzelinteressenzu hören, setzt sich iu Widerspruch zum Wesen des Staates.Die Menschen bei diesem Vorgehen nach sich zu ziehen,
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