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dazu gehört nicht viel. Nichts ist leichter als jeder Kategorievon Staatsangehörigen vorzustellen, daß sie allein dieleidende und zurückgesetzte sei. Hat man je gesehen, das?Landwirte, Geschäftsleute, Beamte, Arbeiter oder Fabrikantennicht Grund zu Klagen gehabt hätten, sobald man sie fragt,ob sie zufrieden seien? Und Jeder, an den man sich wendetmit der Versicherung, daß er vorzugsweise leide, wird natürlichzustimmen. Nur selten ist ein Stand durch Erfahrunghinlänglich gewitzigt, um, wie einst französische Fabrikanten,dem Könige auf die Frage, was er für sie thun könne, zuantworten: „sie in Rnhe lassen". In Deutschland habenneuerdings die im großen Weltverkehr erzogenen Seestädtesich in gleicher Art wohlweislich die gefährlichen Liebesdiensteder Schiffahrtsprivilegien verbeten. Insgemein aber werdensolche Anerbietungen nnd Teilnahmebezeugungen von demEigennutz oder der Beschränktheit mit Begeisterung auf-genommen, und Keinem kommt dabei der Gedanke, daß jemehr der Kreis der Begünstigten wächst oder wechselt, destoillusorischer das Ganze der Gunst wird. In der französischenJulimonarchie mit ihren dreimalhunderttausend Wählernging es leicht eine Zeit lang, die aus reichen Industriellenund Grundherren zusammengesetzten Wählerschaften zu bevor-zugen, in Ländern des allgemeinen Stimmrechts ist mit soeinfachen Mitteln nicht auszukommen.
Wohl mußten auch in den alten Demokratien republi-kanischer oder cäsarischer Natur die unteren Volksklassengehätschelt werden; aber sie bildeten doch auch nur eineleicht zu sättigende Minderheit in dem zum größeren Teileaus Sklaven und Provinziellen unebenbürtigen Rechts zu-sammengesetzten Gemeinwesen. Wie aber könnten in denmodernen Staaten mit dem demokratischen Institut desallgemeinen Wahlrechts alle einzelnen Berufsklassen in ihrerganzen Ausdehnung gegeneinander oder nacheinander mit