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Gegenwart dreheil, zumal in Deutschland . Nicht um etlicheMark Zoll auf Eisen oder Baumwolle handelt es sich indem Streit nm die wirtschaftlichen Prinzipien, sondern umLeben oder Tod auf dem Felde der freien, friedlichen,modernen Entwicklung. Aber ein und derselbe Faden spinntsich von dem kleinen Streit um die Mark Zoll in fort-laufendem, untrennbarem Zusammenhang bis zur ent-scheidenden Antwort auf jene große Lebensfrage fort. Werdas nicht aus der logischen Verkettung der Ideen zu ent-nehmen vermag, der entnehme es aus ihrer geschichtlichenVerkettung. Was mit ganz kleinen Zollvelleitäten begonnen,gestaltet sich in vielen Köpfen bereits zum Plane einessozialen Turmes von Babel, in welchem jetzt schon dieGrundrisse für eine allgemeine Leibrentenanstalt seiner Be-wohner sichtbar werden. Wer sich die Dinge ernst genugansehen will, um ihre innerste Wesenheit zn erkennen, wirdnicht mehr zu dem wunderlichen Schluß gelangen, daß ineiner und derselben politischen Partei heute noch wie ehe-mals Raum sei für die entgegengesetzten wirtschaftlichenAuffassungen.
Am wenigsten von allen großen Kulturländern hatDeutschland die politische Kraft seines Bürgertums gezeitigt.Damit übereinstimmend haben sich die feudalistischen Ideenin Deutschland am meisten erhalten, und die sozialistischen Ideen haben sich in Deutschland mehr und hoher hinaufAnhang verschafft als bei irgend einem anderen Volke.
Wenn es geschrieben steht, daß die Welt ein sozialistischesExperiment im großen Stil erlebe, so ist vielleicht Deutsch-land das natürliche Schlachtfeld, wo ein noch schwach ent-wickeltes Bürgertum unterliegen soll, wie Frankreich mitseinem überreifen Hofadel das natürliche Schlachtfeld fürden Kampf gegen die Aristokratie gewesen ist.