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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
155
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Das Haus war an beiden Tagen sehr schwach besetzt vom Zentrumallein fehlten 4V Herren viele Abgeordneten aber, welche im Foyer undin der Restauration des Hauses über konstitutionelle Garanticcn dispu-tierten und in politische Theoriccn sich vertieften, wahrend im Saale prak-tische, in das wirtschaftliche Leben tief einschneidende Fragen behandeltwurden, hielten auf ihren Plätzen ruhig aus und nicht der Mühe wert,zur Abstimmung in den Saal zn treten.

Das Resultat aller meiner Mühen war also ein klägliches, ich binaber nicht der Mann, welcher so leicht den Mut verliert, und gebe eineSache nicht früher auf, bis der letzte Wurf gethan ist, alsohandelte ich auch in diesem Falle.

Ich fuhr hierher zurück und nahm die schriftliche Agitation sosortund mit allen Kräften wieder auf. Zunächst lies; ich jene Briefe an meineHerren Kollegen hinausgehe», in welchen ich einen kurzen Bericht übermeinen Mißerfolg erstattete, darauf hinwies, daß die Sache nicht als ver-loren betrachtet werden dürfe, und darum ersuchte, daß ein jeder derHerren mit seinem Vertreter im Reichstage sofort in schriftlichen Verkehrtreten möchte, indem ich die Art und Weise erläuterte, inwelcher solches am besten geschehen werde.

Ich selbst korrespondierte fortlaufend mit dem Herrn Grafen vonGalen und richtete ausführliche, die Sachlage erörternde Briefe an RcichS-tagsabgcordnetc. «Folgen die Namen von 55 Abgeordneten aller Parteien.)Ich schilderte darin nochmals die Notlage unserer Industrie und die Um-stände, durch welche der Antrag Galen zu Fall gekommen und bat schließ-lich um die Unterstützung dieses Antrages für die dritte Lcsnng, sowie umWerbung von Stimmen zu dessen Gunsten. Jedem Schreibenfügte ich eine Abschrift des Galenschcn Antrages und, soweit mein Vorratreichte, ein zweites Exemplar unserer an den Reichstag gerichteten Petitionbei, indem ich daraus hinwies, daß es leicht möglich sei, daß in der un-geheuren Masse von Petitionen (es waren deren an 3Ül)v einge-gangen), mit welcher die Herren während der letzten Monate überschüttetworden sind, unsere Eingabe ihrer Aufmerksamkeit entgangen sei, und siebat, dieselbe nachträglich zu lesen.

In dieser Weise auf die dritte Lesung vorbereitet und im Begriffe,die letzten Briefe zu untci zeichnen, erschreckte mich am 8. d. M. Abendseine Notiz in derFrankfurter Zeitung ", unch welcher für die dritte Lesungein Antrag auf ki> bloci - Annahme des Zolltarifcs, wie solcher aus deuBeschlüssen der zwciteu Lesung hervorgegangen war, mit alleiniger Aus-nahme der Position Nr. v (Getreide) gestellt werden sollte, und veranlaßtemich sofort abzureisen nnd znm vierten Male nach Berlin zu gehen. Am