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Aber bestreiten wird es wohl. Niemand. Genügt dochdie eine welthistorische Thatsache, daß die Existenz einesdeutschen Parlaments und als deren notwendige Krönungdie des deutschen Kaisertums ein Vermächtnis des Jahres1848 geblieben und daß jeder spätere Versuch zur Wieder-herstellung eines deutschen Nationalstaates auf dieses Ver-mächtnis zurückzugreifen genötigt war; vor allem damals,als Hand angelegt wurde zur Schöpfung des NorddeutschenBundes und Reichstags.
Darum wäre nichts so falsch, als einen Gedanken derSpaltung oder gar des Widerspruchs hineinzusenken zwischendiese beiden lebendigen Träger des deutschen Staatslebensin seiner höchsten Potenz. Niemand ist besser kaiserlich ge-sinnt, als wer lebendig fühlt für die Würde des Reichstags,und ebenso würde ein Kaisertum, welches diesem sein vollesRecht verweigerte, die Wurzeln seiner eigenen Kraft ver-kennen. ^
Darum auch sind in den Reihen der Freiheitsfreundedie Worte des Erlasfes, in welchen Kaiser Friedrich dieWahrung seiner eigenen Rechte mit denen des Reichstagsin eins zusammenfaßt, so warm und freudig willkommengeheißen worden. Zwar könnte gesagt werden, was derErlaß hier ausgesprochen, sei selbstverständlich. Aber ineinem so jungen Reich, das aus so vielen widerstrebendenElementen zusammengebaut worden, ist nichts selbstverständ-lich, um so weniger, wenn man bedenkt, daß auch deroberste Bauführer, wenn es ihm nach Zeit und Umständengerade paßte, hie und da nicht verschmäht hat, an deminnigen Zusammenhalt von Kaisertum und Reichstag zurütteln, wenn auch nur mit Worten spielend. Da hieß eseinmal: der Reichstag könnte füglich auch in eine beliebigeKleinstadt verwiesen werden; — oder ein andermal: imGrunde bestehe der Zollverein, wie vor 1867, noch in un-