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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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Veränderter Bedeutung fort, und mit Verzicht auf das ganzeReichsanhängsel könnten sich die deutschen Regierungen aufihn und die Militärbündnisse zurückziehen; dann wiederzur Veränderung: wenn der Reichstag in seinen Gerecht-samen etwas fände, was die Könige von Preußen auf denGedanke» bringen möchte, daß sie in dieser letzteren Eigen-schaft mehr Selbständigkeit genossen hätten als vor Über-nahme der Kaiserwürde, so dürfteu sie am Ende das Ganzebereuen und auf Umkehr sinnen. Und was dergleichenReden mehr waren, die, wenn auch uicht gar erust gemeint,doch den Sinn in sich bargen, daß die Volksvertretung gutthue, sich selbst nicht gar zu ernst zu nehmen.

Da ist denn gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, sichzu Gemüt zu führen, daß der eben vollzogene Thronwechseletwas bedeutet, was das Deutsche Reich uoch nicht erlebthat. König Wilhelm I. war Kaiser geworden, erst nachdemer eine Reihe von Jahren König von Preußen gewesen. Erhatte vorher als reifer Mann und Thronfolger in Preußen alle die Reibungen und Wandlungen mit durchgemacht,welche bittere Verstimmung und Entfremdung zwischen derKrone Preußen und dem Neichsgedanken zurückließen. Erstals vieruudsiebenzigjähriger Mann hat er, nicht ohne Zögernund Bedenken, nach vorsichtig eingeholter Zustimmung derFürsten , das Verlangen der Nation erfüllend, die Kaiserkroneangenommen.

Ganz anders der Sohn. Er besteigt den Thron alsKaiser und König zugleich. Er hat als Kronprinz desDeutschen Reichs siebenzehn Jahre hindurch sich in den Zu-kunftsgedanken hineingelebt, den Kaiserthron als den Thronseines Vaters zu besteigen. Es ist so, als wäre er imKaiserpurpur geboren. Das macht einen gewaltigen Unter-schied gegen den erst am Abend eines vielgestaltigen LebensKaiser gewordenen König, vorher Prinzen von Preußen.

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