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gegen den angestammten württembergischen Landesvater tiefgekränkt fühle, denn diesem gehöre naturgemäß und vonRechtswegen sein loyales Herz. Ein sehr gut kaiserlichesHerz kann eigentlich kaum mehr ein ebenso gut württem-bergisches oder — die Beobachtung lehrt es — preußischessein. Drei Herzen und ein Schlag, das ist zu viel ver-langt. Ein bischen Republikanismus gehört mithin schondazu, um recht gut kaiserlich zu sein; es muß der Landes-dynastie etwas abgezwackt werden, um es auf das Kaiser-haupt zu übertragen. Und daher liegt die Vermutung gutkaiserlicher Gesinnung bei einem Liberalen näher als beieinem Nichtliberalen. Jede Föderation, auch eine vonFürsten , hat etwas Republikanisches an sich. Das Reichder verbündeten Regierungen ist eine Republik von ge-krönten Hänptern, an deren Spitze — bekanntlich als?riinv.8 intsi- ?ars8 — der Kaiser steht. Je besser kaiser-lich einer gesinnt ist, desto mehr muß sein Wunsch dahingehen, daß dieses Primat zu einer Wirklichkeit werde, zueiner wahrhaft monarchischen Spitze über den anderen,nicht unter gleichen. Um gut kaiserlich monarchisch zusein, muß man in seiner häuslichen „engeren Heimat" etwasvon diesem Gefühle aufgeben, wie umgekehrt die eifrigenLandesmonarchisten von zweifelhaft kaiserlicher Gesinnungerfüllt sind.
So kann man mit Recht sagen, daß die besten Liberalenauch die besten Kaiserlichen sind. Freilich ist diese Ge-sinnung nicht aus mystischer Gefühlsschwärmerei erwachsen.Sie ist das Produkt Politischer Erwägung, aber einer sostark überlieferten und so unabweisbar richtigen, daß sieselbst in das Gefühl übergegangen ist. Wer im Jahre 1879die Wiedergeburt Deutschlands als einer großen und freienNation wollte, konnte den Gedanken nur unter dem Zeichenvon Kaiser und Reichstag erfassen.
Ludwig BambergcrS Ges. Schriften, V. 1Z