Druckschrift 
5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
194
Einzelbild herunterladen
 

194

Und es ist daher für das Kaisertum, obgleich es, i»unserer Geschichte auf Wahl beruhend, gar nicht im Geleitmonarchischer Tradition sich einführte, dennoch mit merk-würdiger Triebkraft im kurzen Lauf der Jahre ein mo-narchischer Kultus, mächtig und lebenswarm, im Volke hochempor gewachsen. Die Kinder werden groß in der politischenReligion des Kaisertums, in der Ehrfurcht vor der Persondes Kaisers und etwas wie Religion muß immer dabeisein, soll eine Form des Daseins festsitzen im Reich derWirklichkeit. Der Mensch lebt nicht vom Brot des Ver-standes allein, der Wein der Phantasie gehört auch dazu.

Warum ist es dem Reichstag schwer geworden undnicht gelungen, gleichen Schritt mit dem Kaisertum zuhalten? Eben weil das, woraus das Gefühl sich ernähr«,ihm lange nicht so zu statten kommt wie dem Kaisertum.Und dennoch, so wenig seiner Stellung nachzurühmen ist,Eines ist trotz Allem schon vollbracht: daß er das Herz derPublizität und darum das Ohr des Publikums viel mehrbesitzt als die einzelnen Landtage, auch die größeren. Wasihm fehlt, im Gegensatz zum Kaisertum, das sind vor Allemdie Lorbeeren errungener Siege. Sind auch Kaisertumund Reichstag in gleichein Ursprung und Recht aus demsiegreichen Völkerkrieg hervorgegangen, so war doch derHeld im Lager und in Waffen, nicht der Herrscher im Ratund im Frieden der Gesetze der Sieger. Jenem blieb derGlanz, die Volksvertretung blieb im Schatten der Geschichte.Hätte sich das Parlament von 1848 am Leben erhalten,so konnte es, dank seiner mehr abgetrotzten als gewährtenEntstehung, etwas von der Naturkraft eigenen Bodens aussich heraus entwickeln. Aber eben daß es sich nicht haltenkonnte, kam her von dem zu leicht errungenen Sieg, ausdem es hervorgegangen war.

Statt eines natürlichen aber schwachen, ist es ein legi-