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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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timer, aber darum starker Boden, dem die Volksvertretungvon 1871 entsprang. Aber sie ist im Feldlager geboren.Die Konseqnenzen dieses Ursprungs abzustreifen ist nichtleicht; es ist immer schwerer geworden, je mehr ganz Europa sich in ein Feldlager verwandelt hat. Graf Bismarck, alsKanzler des Norddeutschen Blindes, war bekanntlich 1870auf den originellen Gedanken gekommen, den Reichstag nachVersailles zu berufe», damit er dort dem Oberhaupt desNorddeutschem Bundes die Kaiserkrone antrage. Der dra-matische Efsekt eines solchen Schauspiels wirkte damals soblendend auf manchen liberalen Führer, daß er sich imGeiste davon angezogen fühlte, ohne zn empfinden, daßdurch dies Schauspiel eines unter dem Waffengeklirre ver-sammelten Reichstags die Unterordnung der bürgerlichenFreiheit unter den Glanz des Schwertes auch symbolischverewigt würde. Zum Glück kamen anch widerstrebendeAnsichten zu Wort, und das Beste, den abenteuerlichen Planim Keime zu ersticken, thaten die materiellen Hindernisse,welche sich der Ausführung entgegenstellten. Aber es ge-hörte schon ein Mangel an Gefühl für die Würde einerbürgerlichen Volksvertretung dazu, nicht zu merken, welcheseine Ironie in dem scheinbar ehrenvollen Vorschlag ver-borgen war.

Und dennoch hat von jenem ersten Zeitpunkt seinerGeburt bis auf diese Stunde der Reichstag auch die Formseiner würdigen Stellung nicht finden können, die Formals bezeichnendes Merkmal dessen, was in der Sache ihmnicht geworden ist. Wie treffend und verständnisvoll istdies beleuchtet in der Äußerung Kaiser Friedrichs, daß eran die Mitglieder der Volksvertretuug keine Aufforderungzum Eintritt in deu Trauerzug hinter der Bahre seineskaiserlichen Vaters erlasse, weil ihnen eine ihrer würdigeStellung schwerlich gegeben würde. Besäßen doch die Ab-

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