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allein, nicht sie, nicht einmal sie neben ihm, repräsentierteDeutschland vor sich selbst und vor der Welt.
Man wird sagen, das sei Alles nur Form. Aber werbehaupten wollte, daß Form etwas Gleichgültiges wäre,würde nur zeigen, daß er Welt und Menschen nicht kennt.Der Kanzler weiß ganz gut, was Formen bedeuten, undmit seiner überlegenen Geschicklichkeit weiß er auch hier sichseinen Teil reichlich zu wahren. So viel Form wie er.sollte zum mindesten der Reichstag auch haben, denn derKanzler ist wirklich kein Pathetiker mit überflüssigen Flos-keln, und eine Körperschaft von vierhundert Gewählten be-darf der zusammenfassenden Plastischen Darstellnngsmittelviel mehr, als der einzelne Mann. Auch finden, wo esgewünscht wird, um ihm Heerfolge zn leisten, die Führerder ihm ergebenen Parteien wahrlich die Hülle und Füllepathetischer Reden in aller Breite.
Es war ein Bild der Nichtigkeit des deutschen Reichs-tages, wie diese Volksvertretung in dem Ausbruch der Klageum deu soeben aus der Welt geschiedenen Kaiser, im Aus-bruch wehmütiger Begrüßung des aus der Fremde herbei-eilenden Nachfolgers nur die stumme Rolle übernahm, ganzwie es ein Bild dieser Nichtigkeit von seiner Positiven Seitewar, den Kanzler dastehen zu sehen, wie er, die Faust desausgestreckten Armes auf deu Griff des schweren Reiter-säbels stützend, die Botschaft verlas. Ein Tauber hätte dieganze Situation am richtigsten verstanden, ohne von derenKorrektur, die in dem Text der Botschaft lag, abgelenkt zuwerden.
Daß diese dankenswerte Botschaft auch eine Antwortin Form einer Adresse verdiene, mußte erst auf Anregungder kleinsten Partei zum Bewußtsein gebracht werden, nichtohne ans bedeutendes Widerstreben zn stoßen. So mächtigwirkt in denKartellparteien ihres Nichts durchbohrendes Gefühl.