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Und schließlich wurde diese Adresse in der denkbartrockensten Weise auf dem Wege kanzleimäßiger Erledigungohne Sang und Klang verfaßt und angenommen — einMusterwerk des Dryasduststils in des Wortes verwegensterBedeutung.
Selbst in die rührendste Episode mischt sich ein Zugder Ironie. Wer kann dafür, daß ihm Gedanken kommen?Dem Reichstag ward als letztes heiliges Vermächtnis desersten Kaisers das Aktenstück übergeben, das derselbe sterbendmit zitternder Hand unterschrieben hat. Fürst Bismarck schildert, selbst tief bewegt, wie der bis in den Tod pflicht-getreue Monarch abgelehnt habe, nur den ersten Buchstabenzu zeichnen, darauf bestand, seinen vollen Namen darunter-zu setzen. Aber Niemand hat uns belehrt, warum umjeden Preis der Reichstag geschlossen werden mußte, nochehe der zweite deutsche Kaiser iu seiner Reichshauptstadteintraf. Der Kanzler stellte sogar beiläufig die wunderlicheTheorie auf, daß der Reichstag noch auf Grund einer vondem verstorbenen Kaiser unterzeichneten Vollmacht hätte ge-geschlossen werden können, und etliche findige Staatsrechts-ausleger sollen bereit gewesen sein, diese Auffassung zu be-stätigen. Aber der Kanzler ließ Gnade für Recht ergehenund den Reichstag in Berlin . So wurde diesem zwar dassonderbare Los erspart, zu seinen Penateu heimgeschickt zuwerden, dieweilen aus ganz Europa fremde Fürsten unddie Abgeordneten fremder Korporationen^«!! die Bahre desersten Kaisers herbeiströmten, aber nicht wurde ihm dasLos erspart, die würdige Stelle weder in den sich daran-schließenden Verhandlungen, noch hinter der Bahre zu finden.Von anderem Mißgeschick zu schweigen gebietet die Scham.Ob all das in der ganzen Tragweite seiner jammervollenBedeutung verstanden und gewürdigt wird, ist eine andereFrage. Manch einer klagt nicht, weil er nicht fühlt, und