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Die Nationalität im heutigen Sinn ist ein staatenbildendesPrinzip, aber nur eins neben anderen, wenn anch ein inder neuesten Zeit vorzugsweise zum Durchbruch gekommenes.Alle, welche sich ernstlich mit der Sache beschäftigt haben,sind schließlich zu dieser Erkenntnis gekommen, ganz abge-sehen noch von der Schwierigkeit, das Nationale erschöpfendzu definieren, eine Aufgabe, die bis jetzt nicht gelöst wordenist und nicht gelöst werden wird.
Die zwei mächtigsten Faktoren der Zeit bilden dieElemente, aus deren Mischung die gestaltende Macht derNationalität hervorgegangen ist; Demokratie uud Natur-sinn. Ihnen kam als Dritte im Buude die moderne, ranm-verschlingende Technik zu Hilfe, welche den Staat zur großenDimension hindrängt.
In der modernen deutschen Staatsentwickluug ist derSinn des Nationalen sehr einfach und gar nicht mißzuver-stehen. Die Geschichte lehrt es mit nnverkeunbarer Deut-lichkeit. Was die Erhebung gegen Napoleon eingeleitethatte, ward durch den Wiener Kongreß weiter entwickelt.Dieser weckte im Innern dieselbe Gegenströmung, welchedie Eroberung von Außeu her wachgerufen hatte. Wasder eine rücksichtslos seinem großen Militärstaat unter-worfen hatte, das zerstückelte und zertrat ebenso rücksichtslosder andere. National sein bedeutete von da an, das Werkdes Wiener Kongresses zerstören. Im Jahre 1848 erlebtedieser sein Leipzig , im Jahre 1866 sein Waterloo. Damitwar der dynastische Widerstand gegeu die Herstellung einesdeutschen Gesamtstaates gebrochen. Schon beim Ausbruchder Bewegung hatte Fichte in seinen „Reden" die Viel-staaterei für den wahren Sitz des Widerstandes gegen dasWerden der Nation erklärt. In den Dynastieen hattedieser Widerstand gesessen, im Volk nur, soweit es durchdie alte Gewohnheit unpolitischen und knechtischen Daseins