Auch die einseitige Übertreibung und Ausbeutung dervon Hause aus berechtigten Idee der nationalen Existenz-form hat sich zu einem solchen Mißbrauch mit den hier be-schriebenen Folgen ausgewachsen, und wohlverstanden, nichtbloß in Deutschland . Denke man nur z. B. an die Abge-schmacktheit der sentimentalen Russenschwürmerei, welche inFrankreich Mode geworden, seitdem die patriotische Liga umein Liebesbündnis mit dem Zaren wirbt. Hundert Jahrelang hat Frankreich in heißer Liebe für Polen geschwärmt!All die achtzehn Jahre des orleanistischen Königtums hin-durch war es heiliger Brauch, jede Adresse der Deputierten-kammer mit einem Protest gegen die russische Herrschaftüber Polen zu schließen!
Aber die Karrikaturen sind das Schlimmste nicht. Siefind nur Symptome des Übels, welches das Überhandnehmen einseitiger Richtung in sich birgt — „Paroxismusder Nationalitätenbewegnng" nennt es der oben zitier!..'Gumplowicz, und die österreichische Litteratur ist natürlichmit am meisten von der Sache praokkupiert.*)
Der Nationalitätenkampf in seiner heutigen Bedeutungist etwas Neues; die Grundanlagen, die Wahrnehmnng nnddie Äußerung des Triebes sind alt. Wer z. B. das Buchin die Hand nehmen will, welches vor hundertundzwanzigJahren der am meisten durch sein Werk über die Einsamkeitberühmt gewordene Joh. Georg Zimmermann über den„Nationalstolz" geschrieben hat, wird sich manchmal fragen,ob es nicht gestern verfaßt sei. Das Bedürfnis, sich mitdieser Erscheinung zu beschäftigen, war aber schon damalsso groß, daß in kurzer Aufeinanderfolge vier Auflagen er-
*) Siehe u. a. auch „Die Nationalitätsidec und der Staat" vonAlfred von Kremcr (vormaliger österreichischer Handelsminister). Auch diedes Tübinger Professors Fr. I. Ncuinann „Volk und Nation" liefert einenschätzenswerten Beitrag.