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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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sammen, daß Europa ein von Waffen starrendes Kriegs-lager geworden ist und auf unabsehbare Zeit zu bleiben be-stimmt scheint, ein Zustand, den selbst Moltke für sehr be-klagenswert erklärt. Aber die wachsende Verfeindung derNachbarn untereinander, der Geist des Hasses, die Ab-schließung und Verhetzung, die überall im Wachsen begriffensind, ist das schlimmste dieser Übel. Denn es wirkt ent-sittlichend und verdummend. Haß und Borniertheit erzeugeneinander wechselseitig in stetiger Progression. Der öffentlicheGeist in Europa ist in dem letzten Jahrzehnt moralisch undintellektuell zurückgegangen, und niemals ist das Wort vonder Allmächtigkeit des Niederträchtigen so oft zitiert wordenwie in unseren Tagen. Diesen Rückgang bezeichnet aller-dings ein berühmter Professor der Geschichte als den Ge-danken einer aufstrebenden Zeit, für welchen dem KaiserFriedrich wegen seines Stilllebens das Verständnis abge-gangen sei; besonders deshalb, weil derselbe sich zornig ab-gewendet habe von den Manifestationen desjenigen bor-nierten Hasses, welcher, nicht zufrieden andere Nationen mitSchmähungen zu verfolgen, auch im Innern der Nationenselbst nach Spaltungen sucht, um Opfer für sein Wüten zufinden. Die Extreme berühren sich, und es ist leicht zuermesfen, wie aus der Übertreibung des Nationalgefühls,welches in Deutschland zusammenfassend wirken sollte undbei Gründung des Reichs zusammenfassend gewirkt hat, ge-rade wieder die Zersetzung hervorgehen könnte. So gntwie den Rassenhaß kann man auch deu Stammeshaß wiederHeraufrufen. Nachdem der Schutz der nationalen Arbeitnur von deutscher Arbeit gesprochen hatte, wurde alsbaldwieder unterschieden zwischen produktiver und unproduktiverArbeit, zwischen der Arbeit von Ackerbau und von Industrie,von Handwerk, von Industrie und von Handel, damit auchnach Innen allerwärts Eines dem Wüten des Andern ge-