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Gepräge der individuellen Absonderung und Eigenwilligkeittrug, uud daß der Umschlag ius Gegenteil mit der Schaffungdes Deutschen Reichs aufs engste zusammenhängt. Für denAnhänger dieser politischen Neuerung müßte damit ein durch-schlagender Grund gegeben sein, sich auch der veräuderteuSinnesrichtung selbst zu freuen. Aber so einfach liegen dieDinge nicht.
Hier kommt der große, so oft verkannte Unterschiedzwischen Staatseinheit und Staatsallmacht zur Geltung.Die Staatseinheit ist eine Wohlthat, die Staatsallmacht istein Übel, und nach dem Gang, den die Dinge bei uns zunehmen scheinen, haben wir von allen Völkern darin dieschlechteste Wahl getroffen. England hat die Staatseinheitohne die Staatsallmacht; Frankreich hat Einheit und All-macht des Staates zugleich; Deutschland hat die Einheit nursehr unvollkommen erreicht und ist im Begriff, die Staats-allmacht zum obersten Gesetz seiner politischen und sozialenEntwicklung zu machen.
Daß Staatsallmacht nnd Partikularismus sich nichteinander im Wege stehen, daß Staatsallmacht nicht gleich-bedeutend ist mit politischer Einheit, wenn schon das so-genannte nationale Programm auf dieser Verwechslung be-ruht, zeigt ein Blick auf den Gang der Dinge in den letztenzehn Jahren. Der Partikularismus ist ganz parallel mitStaatsbegeisteruug wieder emporgekommen. Fürst Bismarck hat seine staatssozialistischen wie seine protektionistischenErfolge — sie sind ja beide nahe miteinander verwandt —Schritt für Schritt erkauft durch Zugeständnisse an dieSelbständigkeit der Einzelstaaten, von der FranckensteinschenKlausel an bis zur Preisgebung der Reichsversicherungs-anstalt. Und es giebt für die politische Psychologie keinensichtbareren Beweis dieses Zusammentreffens als die That-sache, daß der spezifisch sächsische Provinzialgeist zur Zeit