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überall bewährt, wo es gilt, die gegebenen Faktoren zueinem nächsten Zwecke zu verwerten, fand bald heraus, daßdie einzelnen Landesregierungen, die Personen der Regentenund Minister viel besser zu berechnen und zn behandelnseien, als das dunkle und bewegliche Meer des gesamtenVolkes. In den ersten heftigen Zusammenstößen mit seinerliberalen Anhängerschaft, als die eben der Reichseinheitwider Willen angeschlossenen Dynastieen noch durchaus nichtgezähmt erschienen, ließ der Reichskanzler durchblicken, daßer der Volksstimmung bedürfe, um jeuer sicher zu sein. Ineiner Rede vom Anfang der siebenziger Jahre erzählt erdem Reichstag von jenem nächtlichen Traum, in welchemdie in seinen Händen befindliche deutsche Landkarte plötzlichvor seinen Augen in Stücke gegangeil sei. Dies sollteeine Warnung für die Mehrheit des Reichstags sein, sichnicht Velleitäten des unbotmäßigen Eigenwillens zu über-lassen, um nicht die zentrifugalen Kräfte der Landesherr-schaft zu stärken. Aber fünf oder sechs Jahre später warder Ton gänzlich umgeschlagen. Als der Reichstag Anstandnahm an der Drohung, die Elbmündung zn sperren, umHamburgs Widerspruch zn brechen, wurden die Landes-regierungen für den alleinigen wahren Hort und Schntzder deutschen Einheit, die Mehrheit des Reichstags mitEinschluß der Liberalen als verdächtige Partikularisten ge-schildert. Das Experiment war damals bereits vollständiggelungen und gesichert, uud jeue Behauptung entbehrtenicht einer gewissen Wahrheit, wenn man die Einheit nurin der Folgsamkeit gegen den Kanzler erblickt. DiejenigeReichstreue, welche in der unbedingten Anpassung an seinePolitik besteht, hat jetzt eiueu unvergleichlich viel stärkerenHalt in den oberen Gewalten der Einzelstaaten als in derBreite der Nation. Man kann dreist behaupten, es giebtin sämtlichen Regierungen des deutschen Reichs keinen