— 266 —
durch Wohlthaten aus derselben Quelle. Die zur Aus-gleichung versprochene Erlassung von Steuern und Er-höhung von Löhnen erwies sich als illusorisch, denn derNimmersatte Militarismus frißt immer mehr Steuern, unddie durch den Schutzzoll auf alle Weise erschwerte Ausfuhrder Industrie zwingt zur äußersten Herabdrückung der Her-stellungskosten. Um so verlockender stellt sich da die Zu-flucht zur staatssozialistischen Lehre ein, denn ihre Haupt-kunst besteht im Versprechen. Den „geschützten" Industriellenund Landwirten gewährt sie einen Seelentrost und eineGewisfensberuhignug für die Ungerechtigkeit des Tributs,den sie vom Publikum erheben; die konservative Romantikder „guten alten Zeit" sieht die gemütliche Herrlichkeit derkorporativen Gliederung wiedererstehen; namentlich abermacht die großmütterliche Regierung, mit der sich der her-abgekommene, schwächliche politische Sinn von neuem ange-freundet hat, von allen vorerst die besten Geschäfte. Deunder künstlichen Wiederbelebung der gewerblichen Bruder-schaften, die sich so schön bei festlichen Aufzügen in thea-tralischen Gewändern uud mit stolzen Fahnen ausnehmeu,geht der Athem aus, sobald sie mit dem ungeheuren Ge-triebe in Berührung kommen, welches die heutige Welt intausendfacher Bewegung und Veränderung in Gang hält.Soll der Traum verwirklicht werden, die ganze Produktionnach vorgeschriebenem Plan von außen zu stoßen und amFinger laufen zu lassen, so bleibt der modernen Kultur nnreine Zuflucht, allerdings auch diese eine falsche: „der Staat,mit andern Worten die Regierung".
An diesem Ufer sind wir denn auch schon stolz ge-landet. Stolz, weil überhaupt das Gefühl des Stolzesund dessen hochtönende Selbstbejahung an Stelle alleranderen großen politischen Empfindungen: der Liebe zumVaterlande, des Sinnes für Recht, Freiheit nnd Unab-