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denken kann, nicht alles Profit. Frau von Stasl sagteeinmal, daß in einem Lande, wo die Frauen aus politischenGründen aufs Schaffott gebracht würden, auch Grund genugvorhanden sei, daß die Frauen sich mit Politik abgeben,und dieser Spruch kann auf verschiedene Weise verwendetwerden. Aber die Zunahme der Gleichgiltigkeit für öffent-liche Angelegenheiten aus Ekel an dem Geist der öffentlichenPolemik ist besonders unwillkommen in einem Lande wieDeutschland , weil es noch jung und unerfahren im politischenLeben ist, und weil es sowohl in seinen Institutionen alsin seinem allgemeinen Bewußtsein noch keine festen und breitenGarantien einer freien Entwicklung besitzt.
Seitdem die Schwierigkeiten, welche mit der Heraus-gabe einer Zeitung ehemals verbunden waren, durch ein inder ersten liberalen Periode des Reiches erlassenes Preß-gesetz beseitigt wurden, ist die Zahl der kleinen unbedeuten-den Blätter ins Unermeßliche gewachsen. In den wohl-habenden Landstrichen Deutschlands ist es gar nichts Un-gewöhnliches, in Ortschaften, die nur 1000 bis 1500 Seeleuumfassen, zwei oder drei Zeitungen zu finden, Zeitungenallerdings, von denen man eher sagen kann, daß sie gedruckt,als daß sie geschrieben werden; denn ihre Herausgeber thuuihre Arbeit meistens nur mit der Scheere oder mit poly-graphierten Korrespondenzen, welche von allen Parteienbeinahe umsonst geliefert werden. Es versteht sich vonselbst, daß in solchen Blättchen neben einigen nützlichenMitteilungen ein großer Teil von unverdautem Materialund persönlichem Skandal niedrigster Art verarbeitet wird.
Der Deutsche hat einen größeren Lerntrieb als diemeisten anderen Völker. Sei er im Theater oder aufReisen, oder wo sonst immer, neben dem Trieb, seinenGenuß oder seine Neugierde zu befriedigen, will er immerauch den Vorrat seiner Kenntnisse vermehren. Nicht um-
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