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sonst hat Bädeker alle anderen Reisebücher verdrängt.Unsere Theaterzettel selbst führen überall so viel als mög-lich eine nähere Beschreibung von Zeit und Ort der Hand-lung und der Personen auf, und die Kouplets der tollstenPossen sind nicht selten mit moralischen Lehren verziert.Dasselbe zeigt sich auch in der Tagespresse. Mit Aus-nahme der Politiker von Fach liest ein Deutscher in derRegel nur eiu Blatt. Er versteht in der Anschaffung vonZeitungen wie von Büchern seinen Wissensdrang mit seinerSparsamkeit zu vereinigen. In den Stunden zwischenfünf und sieben Uhr des Abends begegnet man in denStraßen von Paris Tausenden von Personen, welche einenPack Zeitungen, den sie eben gekauft, unter dem Armtragen und eine davon im Gehen zu lesen beschäftigt sind.Ich kann mich nicht entsinnen, etwas Ähnliches währendzwanzig Jahren je in Berlin gesehen zu haben, ausgenommenin Zeiten, wo der große Krieg die Menschen in Spanuunghielt. Ich glaube, daß der physische Durst, welcher in derdeutschen Natur vorhanden ist, dem Durst nach NeuigkeitenEintrag thut, und daß ein großer Teil der kleinen Aus-gaben, der anderwärts der Presse zu Gute kommen, hiervon Flüssigkeiten absorbiert wird. Dagegen sind die Meistenauf eine bestimmte Zeitung abonniert, und wenn ein Mannnur eine Zeitung hält, so wünscht er auch natürlich, daßsie ganz seinen Ansichten entspreche. Mit vollem Recht;denn es ist einer der größten Genüsse, die ein Mensch indiesem Jammerthal haben kann, wenn er jeden Morgen zuseinem Frühstück schwarz ans weiß einen guten Leitartikelim xlui-alis cUAnitatis geschrieben lesen kann, der ihm denBeweis liefert, daß seine eigene Meinung die beste von derWelt ist.
Das ist wahrscheinlich der Grund, warum der Leit-artikel in deutschen Zeitungen mehr gepflegt wird als in