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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
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fremden. Jedes Blättchen mit seltensten Ausnahme», vonBerlin bis in den kleinsten Flecken, eröffnet seine Spaltenmit einem Leitartikel. Die kleinen beziehen dieselben meistensaus einer größeren Zentralmanufaktur für Leitartikel,welche solche an ganze Gruppen oder Distrikte liefert. Er-scheint das Blatt Morgens und Abends, so hat es ebenzwei Leitartikel, und sie beschäftigen sich durchaus uichtregelmäßig mit den neuesten Tagesfragen; das würde demWissenstriebe ihrer Abonnenten nicht entsprechen. DerAbonnent will auch unterhalten und belehrt sein, nicht bloßüber die sogenannten brennenden Fragen seiner eigenennächsten Interessen, sondern auch über alle anderen Dingeder Welt. In früheren Tagen beschäftigten sich die deut-schen Zeitungen viel mehr mit fremden Ländern als mitihren eigenen. Das hat sich »un glücklicherweise geändert,seitdem es ein Deutsches Reich und eine deutsche Politikgiebt; aber eiu gut Teil ist doch noch davon zurückgeblieben,und es schadet nichts, besonders wenn es gelingen sollte,den Deutschen zugleich mit ihrem lebhaften Interesse fürfremde Angelegenheiten auch eiu ebenso lebhaftes für ihreeigenen einzuflößen. Ich glaube, man könnte auf vieleTausende Deutsche, die wissen, daß Mr. Goschen jetzt Schatz-kanzler ist, höchstens einen Engländer finden, der weiß, daßHerr von Scholz preußischer Finanzminister ist. DieserSinn für fremde Dinge ist kein Uebel, vorausgesetzt, daßer den Sinn für die eigenen Angelegenheiten nicht allzusehr ableitet, und daß er dem Geiste treu bleibt, dem erentsprang, nämlich einer unparteiischen Beurteilung der Be-ziehungen zum Auslande, was zn einer richtigen Würdi-gung der eigenen Angelegenheiten und zu einer passendenHaltung gegenüber sremden Ländern führt. Aber dieseBeurteilung und unparteiische Handlungsweise ist allerdingsbeeinträchtigt worden durch die großeu nationalen Streitig-