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Die Kammer machte kurzen Prozeß mit ihm und wischte ihnweg. Zum Überfluß hatte er noch iu seiuer letzteu Rededas Andenken parlamentarischer Ehrenmänner beschimpft.Anch das nahmen die überlebenden Parteigenossen Min-ghetti's nicht hin, wie einst die Natioualliberalen die Herab-würdigung des toten Laster, ihres langjährigen Führers,regungslos verschluckt hatten. Crispi ist gefallen, weil ihndaS Land nicht mehr wollte. Auch in Deutschland wolltedie Mehrheit, wie die Wahlen vom 20. Februar erwiesen,den ersten Kanzler nicht mehr, aber daß er daran gefallensei, wird Niemand behaupten.
Es konnte Einen wnndersam anmuten, als jüngst beiden Verhandlungen im deutscheu Reichstag die schmerzlicheKlage erscholl über „das uuechte Material", welches zumBau des ueueu Parlameutshauses genommen werden solle.Liegt nicht ein tiefer Sinn auch in diesem „unechten Ma-terial"? KomischerWeise warenesgerade dicmilitärsrommsten,sich allzeit gegen jede Hinneigung zum schrecklichen Parla-mentarismus verwahrenden Herreu, welche für die steinerneEchtheit so brünstig eintraten. Da hatte wieder einmal„die List der Idee" den Architekten so geführt, daß die Kostennicht mehr ausreichten just für die solide Beschaffenheit desGewölbes, daß weise Sparsamkeit gebot, sich mit gläuzende»Manerpntz zu begnügen, — swceo cli lustro heißt das inder Technik.
Anch die Selbstbestimmung der Völker giebt keine Bürg-schaft für die Vollkommenheit ihrer Znstände. Aber es ge-hört doch einmal zn dem politischen Bekenntnis des Jahr-hunderts, daß eine Natiou das Recht hat, auch iu staat-lichen Dingen nach ihrer eigenen Fa«on selig oder sogarunselig zu werden, was immer noch für annehmbarer undauf die Länge sicherer gilt als die Behandlung mit denPatriarchalischen Hausmitteln der guten alten Zeit.