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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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Zu der Zeit, da man bald nach dem Krieg beschloß,ein großes würdiges Parlamentsgebäude zu errichten unddie Gelder dafür beiseite legte, sah es aus, als sollte dasMaterial, nicht nur das steinerne, sondern gerade das Po-litische, echter Natnr werde«. Und so war es damals auchgemeint. Aber wie er geflissentlich bei jedem Anlaß demMachtgefühl des Reichstags bis ins Kleinste entgegentrat,hätte Fürst Bismarck wohl am liebsten auch gar keinen Pracht-bau gehabt. Kaiser Wilhelm I. war der Sache zwar nichtganz abhold, aber er sah sie doch mehr unter dem Gesichts-winkel einer Veischönernng seiner Residenz an, bei welcheres Hauptaufgabe war, den Königsplatz, wo die Siegessäulesteht, auszufüllen. Mit Mühe entging das Reichstags-gebäude dem Schicksal, au das äußerste Eude dieses Platzesgerückt zu werden, gelang es, dasselbe unmittelbar an dieStadt anzulehnen, wenn auch uur mit dem Rücken. Mitdem Bau giug es nicht minder entsprechend sonderbar uudbedeutungsvoll. Der ganze ursprüngliche, praktisch undästhetisch wohlangelegte Plan mnßte, als er nach jahre-langer Verschleppuug zur Ausführung kam, von Grnnd ansumgestürzt werde», weil er dem Fürsten Bismarck nicht be-hagte. In jenem ersten Plan stand fest, daß der Beratungs-saal in den ersten Stock gelegt werde. Aber der Fürst er-klärte, dazu werde er nie und nimmer seine Genehmigungerteile», er werde keinen Fuß iu ein Parlamentsgebändesetzen, iu dem er so hoch steigen müsse. Zwar konnte ersich sagen, daß er, bei frühster Bvlle»d»»g der Sache, dochei» achtzigjähriger Mann sein werde. Aber vielleicht geradedarum schien ihm das Recht auf seiue Bequemlichkeit sogut begründet.

Mit Vielem kommt man ans, mit Wenig hält manHaus. Wir haben uus im Deutscheu Reich im Lauf derJahre immer mehr znm unechten Parlamentarismus herunter-