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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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gearbeitet. Die nationalliberale Partei hat im letzten Jahr-zehnt unter der Pression des Bismarckschen Regiments alleRegungen des bösen modernen Volksgeistes abgeschworen;und so oft eine Anwandlung entgegengesetzter Richtung kam,mahnte der selige Windthorst klüglich, man möge sich dochkeiner Täuschung hingeben, man solle nicht vergessen, daßthatsächlich das Reich unter einer patriarchalisch militärischenVerfassung lebe, daß der Kauzler uur auf einen Anlas;lauere, um an den Grundlagen der Volksvertretuug mittelsteiner gewaltsamen Interpretation zn rütteln.

In der That war aber die Besorgnis vor solchenäußersten Konflikten nnter dem ersten Reichskanzler unbe-gründet. Gerade diese zwei Männer von entscheidendemEinfluß auf den Gang der Reichsgeschäfte, Bismarck uudWiudthorst, wareu es, welche, ohne irgendwie begeisterteVerfassungsgläubige zn sein, doch kraft ihrer Politischen Einsicht den Wert einer großen Volksvertretung im Inter-esse ihrer eigenen Macht wohl zu würdigen wußten. Beidehandhabten das Instrument mit Virtuosität uud Erfolguud wareu viel zu vorsichtig, um dasselbe zerstören zu lassen,auch wenn es ihnen hier und da einmal unbequem ward.Bismarck ist entlassen, nnd Windthorst ist tot. Die über-lebenden Führer seiner Partei sind meistens agrarischeAristokraten, welche von ganz anderen Voraussetzungen zuganz anderen Zielen hingetrieben werden, des Unterschiedsan geistiger Ueberlegenheit nicht zn gedenken. Windthorst hat nach seinem Siege im Kulturkampf den Frieden weid-lich ausgenützt; er hat den Pakt, den ihm Bismarck inletzter Stunde zn eigener Rettung anbieten wollte, mit demNachfolger ruhig wieder aufgenommen uud weiter gespouuen;aber die Schlüssel der parlamentarischen Festung einerschwachen, aber immerhin noch einer Festung würde derkluge Maun uiemals habeu ausliefern helfen. Von seineu