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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
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den ersten Blick meinen konnte. Da ist bereits so etwaswie der Anfang eines geheiligten Brauchs in die Welt ge-setzt, und in Zukunft wird man bei einer Vakanz zuerstfragen: welcher General soll Reichskanzler werden? DerBrauch hat sich jetzt schon insofern weiter ausgebildet, alsFürst Bismarck wenigstens nicht aus echtem militärischenMaterial war, dieweil sein Nachfolger sich doch selbst mitRecht als denalten Soldaten" produziert uud einen ge-wissen Effekt damit erzielt. Fürst Bismarck prunkte inpathetischen Momenten mit dem Gehorsam, den er alstreuer Vasall seinem Lehnsherrn schulde; aber der Gehor-sam, den ein strammer Soldat seinem Kriegsherrn schuldet,ist noch ein ganz anderer. Auf Verfassungen dürfen indeutschen Staaten seit den stürmischen Tagen, da es imKurfürstentum Hessen geschah, Offiziere nicht vereidigt wer-den. Womit ich nicht gesagt haben will, daß ein geschmei-diger bürgerlicher Minister nicht durch Fügsamkeit gegendie aristokratischen Klassen gefährlicher werden konnte als einbiederer General.

Jedoch, so fürchterliche Möglichkeiten wie die einesVerfassungsbruches können, bei einigem Nachdenken, inMiseren glücklichen Zuständen nicht auftauchen.So holdeSchwäche bricht nicht Sturmes Wüten", sagt der Dichter.Was dem ästhetischen Gefühl unserer Künstler so schrecklichfür die Form scheint, die Unechtheit des Materials, das be-wahrt nns in der Sache vor den Katastrophen. Es istauch noch ein Anderes, was der Unentbehrlichkeit einer Volks-vertretung zu Hilfe kommt. Die moderneu Staatenbrauchen so viel Geld, daß sie ohne eine Bewillignngs-maschine niemals ausreichen würden. Höchstens noch inNnßland, und anch da wahrscheinlich nicht mehr lange kannman mit einem Schöpfapparat auskommen, der ausschließ-lich von oben arbeitet. Allerwärts sonst geht es nnr mit