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rauf viel zu viel zu gute, als daß sie diese Ergebnisse durchrevolutionäres Verfahren aufs Spiel setzten. Die 35 Mit-glieder der sozialdemokratischen Partei oder „Fraktion", umden technischen Ausdruck zu gebrauchen, spielen jetzt imReichstag eine ganz andere Rolle, als sie jemals seit derBegründung des Norddeutschen Bundes im Jahre 1867gethan haben. Der ganz äußerliche Umstand, daß seit denWahlen von 1890 ihre Sitze im Saale des Reichstags,die früher weit hinten zurück auf dem Berge sich befanden,jetzt verlegt worden sind, und daß eine große Zahl vonihnen ganz nach vorn, gerade gegenüber der Ministerbankdes Hauses sitzen, ist sehr bemerkenswert als der augen-scheinliche Beweis eines wachsenden Nimbus ihrer Partei:fünfundzwanzig Jahre lang wurden sie, insbesondere vonfeiten der Konservativen, als eine Art von Auswurf be-handelt, vor deren Berührung man sich auf alle Weisehüten müsse. Aber endlich sind sie zu einem Verhältnisvollständiger Gleichheit mit ihnen aufgerückt; sie bilden eineFraktion, welche in allen Ausschüsfen des Hauses ihre Ver-treter hat, und verfügen über eine Zahl von Unterschriften,welche sie in den Stand setzt, in ihrem eigenen NamenAnträge einzubringen, und, was noch wichtiger ist als diesebloßen formalen Möglichkeiten: sie werden von den Ministern,von den Vertretern des Bundesrats und auch von ihrenkonservativen Kollegen auf gleichem Fuße wie die anderenParteien behandelt, und da in ihrer Mitte Talent, Fleißund Eifer reichlich vertreten sind, so flößen sie in der Thatauch Achtung ein. Jüngst wurde erzählt, daß der Präsi-dent des Reichstags, Herr von Levetzow, ein strammerKonservativer, sich dahin geäußert hätte, nach seiner Mei-nung sei Herr Bebel der erste Redner des Hauses. Mankann darüber auch anderer Meinung sein; aber diese Äuße-rung ist bezeichnend für die Schätzung, zu welcher Herrn