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aus, daß es nur ein Mittel gegen die Sozialdemokratiegebe, nämlich eine bis ins Äußerste getriebene gewaltsameUnterdrückung; er hoffte sie von Grund aus zu vernichten.Als Gegengewicht zur Beruhigung des öffentlichen Gewissensbot er die verschiedenen Stufen der Versicherungsgesetze,beginnend mit der gegen Unfall, fortfahrend mit der gegenKrankheit und schließend mit der gegen Invalidität undAlter, während im Hintergrund noch eine Versicherung fürWitwen und Waisen gehalten wurde. Wie im Einzelnendies Alles durchgeführt werden sollte, darüber machte ersich kein Kopfzerbrechen; er suchte sich ein paar wohlgeschulteBeamte aus, denen er den Auftrag gab, irgend einen Planauszudenken, nur mit der Grundbedingung, daß die ganzeSache in den Händen des Staates bleiben müsse; dennjede Art von freier Thätigkeit und Selbsthilfe widerstrebteihm als sogenanntes Manchestertum. Das ganze Projektwurde mit einem gewissen Heiligenschein umgeben, indemman den Grundgedanken dem alten Kaiser Wilhelm unter-schob, welcher, wie man glauben machte, noch vor seinemEnde die soziale Frage für sein Land zu lösen wünschte.Da Bismarck wohl wußte, daß die entschiedenen Liberalendiesen Vorschlägen entgegentreten würden, so diente ihmdies zugleich, um sie mangelnder Loyalität gegen den ehr-würdigen Monarchen zu beschuldigen. Die Gemäßigtenoder sogenannten Nationalliberalen, welche ihm in allenDingen blindlings Folge leisteten, schmeichelten sich «ochganz besonders mit der Vorstellung, daß diese Versicherungs-gesetze eine besänftigende Wirkung auf die Herzen derSozialdemokraten ausüben und sie zu dankbaren Anhängernder bestehenden Ordnung machen würden. Natürlich tratgenau das Gegenteil ein. Die Gewaltmaßregeln triebensie zur Entrüstung, und die versprochenen Wohlthaten er-regten ihre Verachtung, während sie gleichzeitig mit logischer