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tümer, und darunter solche von größtem Reichtum, verteilt,ist ohne Vorgang in der Steuergeschichte irgend einesLandes. Merkwürdigerweise hat diese Tendenz noch eherzu- als abgenommen nach Bismarcks Entlassung, als dasPortefeuille der preußischen Finanzen in die Hände desHerrn Miquel kam, eines Mannes, dessen Vorleben geradeumgekehrt als vom freien Bürgergeist beseelt angesehen werdenkann. Die fiskale Gesetzgebung, die er in Preußen einge-führt hat, schließt sich eng an das Bismarcksche Systeman: den Erwerb und die Ersparnisse der Mittelklassen zumBesten der großen Landwirte zu besteuern und diese zueinem bedeutenden Teil von dem Mittragen der Staats-lasten zu entbürden. Beträchtliche Summen werden da-durch den Städten entzogen zum Vorteil der Landedelleute,welchen außerdem die höheren Chargen der Verwaltung undder Armee vorbehalten bleiben. Das Gepräge des jungenDeutschen Reiches, welches ursprünglich im Geiste derbürgerlichen Freiheit geschaffen wurde, ist nach dem erstenJahrzehnt seines Daseins in das Gepräge eines vom Mi-litär und Landadel beherrschten Staates umgewandelt wor-den, und zwischen der Aristokratie einerseits und der zu-nehmenden sozialistischen Propaganda andererseits steht dieBürgerklasse als ein schwacher Wall, gegen den immer mehrvon Diesen beiden entgegengesetzten Polen aus angedrängtwird. Es ist noch nicht lange her, daß Herr von Bennig-sen in einer Reichstagsrede, die großes Aufsehen machte,darauf hinwies, daß nicht durch Gewaltmaßregeln, aber wohldurch solche Maulwurfsarbeit die Existenz der Nation ge-fährdet werde, und laute Klage erhob, daß das freie Bürgertumim raschen Niedergang begriffen sei. Wenn irgend jemandüber den Verdacht pessimistischer Anschauung in diesenDingen erhaben ist, so ist es dieser ausgezeichnete Mann,