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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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dessen Hauptfehler nur darin besteht, daß er allzu gefügigsich den Übeln, die er sieht, unterwirft.

Das bisher Gesagte wird hoffentlich genügen, um demausländischen Leser annähernd eine richtige Idee von dergegenwärtigen Lage beizubringen und ihn davor zu be-wahren, daß er den Berichten von dem gewaltsamen Vor-gehen in den inneren Angelegenheiten Deutschlands Glaubenschenkt, wie sie Zeitungskorrespondenten so gern ausstreuen.

Ein Ereignis, welches noch jüngst die größte Sen-sation hervorgerufen hat, mehr in Deutschland selbst alsim Auslande, ist die stürmische und anhaltende Erregung,welche durch den Versuch der Einführung eines neuenUnterrichtsgesetzes erzeugt wurde. In der That ist diesvon viel größerer Bedeutung für die inneren Angelegen-heiten Deutschlands als die jüngsten Straßenunruhen inBerlin oder als die Reden des jungen Kaisers. Zwar istder preußische Landadel eine sehr realistisch denkende Ge-sellschaft, die in Sachen der praktischen Politik zunächstimmer auf ihre weltlichen Vorteile bedacht ist. Niemandbesser als sie weiß den Wert und die Macht des Be-sitzes zu schätzeu, während die Verehrung idealer Vorzügeniemals zu ihren Schwächen gehörte; aber sie sind des-wegen doch immer Hand in Hand mit der glaubenseifrigenlutherischen Geistlichkeit gegangen und haben unbeirrt immerstreng an deren Seite gefochten. Eine strenggläubige, düstere,intolerante, protestantische Kirche zählt bei ihnen zu den-jenigen Institutionen, auf deren Existenz ihre eigene Klassen-herrschaft mit beruht. Bismarck, welcher in den meistenPunkten dieselbe Richtung einhielt und der unter anderemsich gern für einen guten Christen ausgab, liebte es, sichauch dieser geistlichen Zeloten und ihrer weltlichen Alliiertenzu bedienen, wo immer es seinen Absichten dienen konnte;ein andermal schüttelte er sie ab mit der ihm eigenen Rück-