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sichtslosigkeit; bedingungslos unterwarf er sich ihnen nicht;dazu verstand er sich nie, selbst seinen ergebensten Anhängerngegenüber. Unter seinem Nachfolger änderte sich das. Der-selbe ist weder ein so starker Drahtzieher noch ein so ge-schickter Stratege auf dem Felde der Parteikämpfe. AlsCaprivi die Zügel der Regierung in die Hand nahm, sagteer, er würde mit Hilfe des Parlaments regieren, und des-halb müsse er eine Mehrheit haben. Der verstorbeneWindthorst. welcher schon seinerseits eine Verständigung mitBismarck in die Wege geleitet hatte, bot auch ihm die Stützeder Zentrumspartei , der zahlreichsten im Reichstage, vonmehr als hundert Stimmeu an. Caprivi war nicht ab-geneigt, auf einen solchen Vorschlag einzugehen, da Windt-horsts mäßigende Klugheit ihm eine Bürgschaft gegen allzuweit gehende Forderungen als Gegenleistung für solche Unter-stützung zn versprechen schien. Um jedoch bei den pro-testantischen Preußen durch diese Annäherung an die Ultra-montanen keinen Anstoß zu erregen, sah er sich genötigt,auf der anderen Seite den frommen Protestanten die Handzu reichen. Zwar im Herzen verabscheuen sich diese beidenParteien gegenseitig, aber sie verstehen nichts desto wenigerihre in vielen Punkten übereinstimmenden Interessen: elsri-ous olsi-ivum non äkoirQat. So entstand eine Mehrheitsür eine starke, religiöse Reaktion in Preußen . Aber Ca-privi, der ein Ehrenmann war und diese ganze Situationnur annahm, weil sie ihm die einzig brauchbare iu diesemAugenblick schien, nicht ohne dabei Gewissensbedenken zuempfinden, war darauf bedacht, als eine seiner ersten Maß-nahmen etwas vorzubringen, was auch das Gepräge mo-derner Ideen trug neben der reaktionären Notwendigkeit,der er sich fügte. Er entschloß sich offenen Blicks und mitÜberzeugung, mit der ultraprotektionistischen Richtung desBismarckschen Schutzzollsystems letzter Hand durchaus zu