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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
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brechen und sowohl im Interesse des guten Einvernehmensmit dem Ausland als der nationalen Wohlfahrt zu demSystem der Handelsverträge zurückzukehren.

Er verlangte von den Schutzzöllnern nur geringeOpfer; zum wirklichen Freihandel überzugehen, durfte erentfernt nicht wagen; aber er beseitigte gänzlich die Ein-fuhrverbote von Vieh und Fleisch, welche unter dem Vor-wand gesundheitspolizeilicher Rücksichten die ausländischeKonkurrenz zu Gunsten der inländischen Landwirte unter-drückt hatten. Er führte auch ein sanfteres Regiment inElsaß-Lothringen ein und beseitigte die Ausnahmegesetzegegen die Sozialdemokratie. Ferner beschloß er, den Kron-schatz der ehemaligen Könige von Hannover nicht mehr alsGeheimfonds zu verwenden, und trat dem Fanatismus derenthusiastischen Kolonialnarren mit kritischer Kühlheit gegen-über; doch durfte er nicht das teure Spielzeug selbst zer-brechen, welches hochstehende politische Dilettanten zu ihremSteckenpferde gemacht hatten. Mit diesen Anläufen jedochschien der gute Geist, dem er sich ergeben hatte, erschöpft.In den letzten Monaten ist die Person des Kanzlers inden Hintergrund getreten, und sein Kollege im preußischenMinisterium, Graf Zedlitz, der Minister des öffentlichenUnterrichts, spielt die erste Rolle auf der politischenBühne; er tritt vor die Zuschauer, an der einenHand den protestantischen, an der anderen den katho-lischen Klerus, und kündigt ein neues Stück an, dessenTendenz daraus hinausgeht, die Erziehung des Volksin die Hände der Geistlichen zu legen. Aber als-bald erhebt sich ein Sturm von Verwünschungen undwilden Demonstrationen gegen sein verehrtes Haupt.Die ganze Regierung wird zur Zielscheibe dieses Un-willens und vor allem der Premierminister Graf Caprivi ,welcher in seiner ritterlichen Weise sich verpflichtet hält,