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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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seinen Kollegen, den Minister des Unterrichts, zu decken,und gerade um so mehr, je mehr die öffentliche Entrüstungdiesen zum Angriff ausersehen hat. Von diesem Augenblickan verlor Graf Caprivi , obwohl niemand an der Loyalitätseiner Absichten zweifelte, den größten Teil seiner Popula-rität. Daß dies so ist, kann man am besten daraus er-messen, daß sein Vorgänger Fürst Bismarck , welcher ihnbis dahin mit den schärfsten Epigrammen verfolgt hatte,nnn ans einmal sich still verhält, eingedenk dessen, daßSchweigen Gold ist. Mittlerweile geht der Lärm gegendas Schulgesetz weiter. Ein Teil des Publikums, welchersich gegen Bismarcks Entlassung gleichgiltig verhalten hatteund zu Caprivi hinneigte, wünschte nun den alten Kanzlerzurück, während andere, die den letzteren genau kennen,selbst die gegenwärtigen Wirren seiner Rückkehr vorziehen.Noch schlimmer steht es um Caprivi in dem nichtpreußischenDeutschland . Nicht bloß das gegenwärtige preußische Re-giment, könnte man sagen, sondern ganz Preußen ist vonNenem in der Sympathie und Achtung des übrigen Deutsch-lands durch diese reaktionäre Schulvorlage wieder herab-gekommen. Es hat von jeher zum Unglück Deutschlands gehört, daß in dem Staat, dessen militärische Verfassuugihn in den Stand setzte, ein einiges Reich durchzuführen,der Adel, der Offizierstand und die Geistlichkeit gar zuexklusiv und abstoßend gewesen sind.

Es ist sehr bezeichnend, daß ein so galliger Ge-schichtsschreiber wie Thomas Carlyle , der einzige berühmtefremde nichtdeutsche Schriftsteller ist, der sich im gegen-wärtigen Jahrhundert für die preußische Verfassung be-geistern konnte. Seit der Gründung des Reiches hatte diePersönlichkeit des ersten Kaisers und seines SohnesFriedrich viel dazu beigetragen, die abstoßenden Züge despreußischen offiziellen Staatswesens zu mildern. In dem

Ludwig Bambcrgers Gcs, Schriften. V. 28