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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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Maß, als er ins hohe Alter vorrückte, gewann die ehr-würdige Gestalt und das bescheidene und einsichtsvolleVerhalten des ersten deutschen Kaisers die Herzen auchseiner nichtpreußischen Unterthanen. Sein Sohn zeigte sichgleichfalls als ein liebenswürdiger, menschenfreundlicherFürst, der sich keine allzu große Überlegenheit zutraute, sohoch er auch von seinem Regentenberuf dachte. Die herz-zerreißende Geschichte seiner Leiden und die unwürdigeVerfolgung, welche sich bis an den Rand des Grabes gegenihn richtete, trugen noch dazu bei, die Bewunderung undSympathie der Nation für den schönen sanftblickendenKrieger zu steigern. Als sein Sohn ihm nachfolgte, warer für den weitaus größten Teil seiner Unterthanen einverschlossenes Buch, das ohne jede Voreingenommenheit be-trachtet wurde. Allerdings gab es einiges Kopsschütteln,als er, von seiner ersten Reise durch Europa zurückkehrend,die Vertreter seiner Hauptstadt, die ihn mit einer loyalenAdresse empfingen, mit harten und ungnädigen Wortentraktierte, Worte, welche bei seineu jungen Jahren um soweniger gefallen konnten; aber bald darauf verlor sichdieser unangenehme Eindruck. Dann kam die EntlassungBismarcks und gleichzeitig die Aufhebung der Ausnahme-gesetze gegen die Sozialdemokraten sowie die Einberufungeiner internationalen Konferenz behufs Hebung der arbei-tenden Klassen. Die Wirkung dieser Neuerung war ver-schiedenartig. Die entschiedenen Liberalen begrüßten denAbgang Bismarcks als einen vollen Gewinn für das Land;die Ultramontanen, obgleich schon lange nicht mehr imoffenen Kampfe mit ihrem ehemaligen Gegner, waren dochnicht bekümmert ob seines Abganges. Auf der anderenSeite war das konservative Element des Bürgertums, indem die Nationalliberalen vorwiegen, geradezu untröstlich.Was diesen am meisten an dem neueu Kaiser mißfiel, war,