Druckschrift 
Juden in der deutschen Wirtschaft / Kurt Zielenziger
Entstehung
Seite
144
Einzelbild herunterladen
 

144

von Monaten mit den unentbehrlichsten Stoffen der Kriegs-wirtschaft versorgt sein könne. Die Kriegsdauer schätzte er nichtgeringer ein als ich selbst und so mußte ich an ihn die Fragerichten: Was ist geschehen, was kann geschehen, um die Gefahrder Erwürgung von Deutschland abzuwenden? Der Kriegs-minister läßt sich von Rathenau überzeugen. In wenigen Tagenorganisiert er zunächst in kleinstem Umfang die Kriegsrohstoff-abteilung als eine neue Abteilung des Kriegsministeriums, derbesondere Befugnisse übertragen werden. Sie erhält das Recht dieerforderlichen Rohstoffe im Lande mit Beschlag zu belegen undfür Zwecke der Kriegswirtschaft gegen ein Entgelt zu erwerben.Zur Unterstützung dieser amtlichen Organisation werden be-sondere Aktiengesellschaften, die Kriegsgesellschaften, zuerst dieKriegsmetall-Aktiengesellschaft, gegründet, denen besondereKommissare als Beauftragte des Kriegsministeriums vorstehen,und in deren Vorstand man erste Fachleute beruft. So gelingt es,den Bedarf an Metallen, an Chemikalien, an Textilien, an Lebens-mitteln usw. sicherzustellen und durch besondere Vorkehrungenden Export nach dem neutralen Ausland so zu gestalten, daß fürdie ausgeführten Fabrikate eine bestimmte Menge der in ihnenverarbeiteten Rohstoffe als Kompensation wieder eingeführt wer-den muß. Der freie Handel hat aufgehört. Eine planmäßige Wirt-schaft ist entstanden. Walther Rathenau ist zum Herrn über diedeutsche Wirtschaft geworden. Aber schon am I. April 1915»nachdem er die Grundzüge dieser Organisation geschaffen, ver-läßt er verärgert dieses Feld seiner Tätigkeit, durch die allein eres Deutschland ermöglicht hat, den Krieg vier Jahre hindurchzu führen.

Als ihn Reichskanzler Wirth zunächst als Wiederaufbau-minister in sein Kabinett beruft, als er in dieser Eigenschaft ver-sucht, den Aufbau im Innern zu organisieren und eine Lösungfür das Reparationsproblem zu finden, als er dann in schwierig-ster Zeit auf den exponierten Posten des deutschen Außen-ministers gestellt wird, steigt der Wirtschaftsführer zum Staats-mann auf (vgl. Rudolf Schay: Juden in der deutschen Politik,Welt-Verlag, Berlin 1929).

Zwiespältig wie das Wesen des genialen Vaters ist der Charak-